Kleine Yagmur in Hamburg ist verblutet - Ermittlungen gegen Eltern

«Du wirst nicht vergessen», steht zum Gedenken an die dreijährige Yagmur auf einem Schild vor der Haustür der Familie in Hamburg-Billstedt. Menschen haben zahlreiche Kerzen, Kuscheltiere und Blumen niedergelegt.

Nach der Todesnachricht vom Mittwoch sind noch viele Fragen ungeklärt: Wurde das Mädchen von den eigenen Eltern zu Tode gequält? Oder starb es bei einem Unfall? «Die Untersuchungen sind in vollem Gange», sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Nana Frombach. Das Mädchen war nach einem Leberriss innerlich verblutet. Die Rechtsmedizin entdeckte zudem Blutergüsse am Körper.

Yagmurs Eltern wurden unter dem Verdacht festgenommen, das Kind misshandelt zu haben. Die Mutter spricht von einem Unfall, bei dem ihr Partner nicht zu Hause gewesen sein soll. Der wegen Körperverletzung, Diebstahl und Drogendelikten polizeibekannte Vater schweigt nach Polizeiangaben bislang.

Das Mädchen wurde seit seiner Geburt von verschiedenen Jugendämtern betreut. Der Fall weckt in der Hansestadt Erinnerungen an den tragischen Tod von Chantal im Januar 2012. Die Elfjährige starb in der Obhut ihrer drogensüchtigen Pflegeeltern an einer Überdosis des Heroin-Ersatzstoffs Methadon. Die Pflegeeltern sollen sich im kommenden Jahr vor Gericht verantworten.

Für beide Mädchen war zum Todeszeitpunkt das Bezirksamt Mitte zuständig. Nach Chantals Tod wurden den Mitarbeitern schwere Versäumnisse vorgeworfen. Die Sozialbehörde zog zahlreiche Konsequenzen, um die Arbeit zu verbessern. Ein Sonderausschuss in der Hamburgischen Bürgerschaft schloss seine Arbeit erst vor zwei Monaten ab. Offenbar hätten die Maßnahmen zum Kinderschutz erneut nicht ausgereicht, kritisiert die Grünen-Abgeordnete Christiane Blömeke.

Yagmur lebte erst seit August dieses Jahres bei ihren leiblichen Eltern. Zuvor war sie in einer Pflegefamilie - auf Wunsch der Eltern, weil die sich überfordert fühlten. Doch schon Anfang 2013 gab es den Verdacht, das Kind sei misshandelt worden. Wegen einer schweren Schädelverletzung wurde das Mädchen operiert. Es lebte zu diesem Zeitpunkt noch bei der Pflegefamilie, hatte aber auch Kontakt zu seinen Eltern.

«Das Verfahren wurde damals gegen alle Personen geführt, die mit dem Kind zu tun hatten», sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Es wurde erst im November eingestellt, weil sich die Ursache der Verletzung nicht aufklären ließ. Die Nachricht, dass das Kind im August trotz der laufenden Ermittlungen zu seinen leiblichen Eltern zurück durfte, sorgt bei vielen Menschen für Kopfschütteln. «Diese Entscheidung erscheint nur sehr schwer nachvollziehbar», kritisiert Blömeke. Das Bezirksamt Mitte will sich zu diesem Punkt noch nicht näher äußern. Derzeit würden Akten geprüft und Fachpersonal befragt, erklärt ein Sprecher lediglich. Der Fall sei sehr komplex, weil mehrere Jugendämter beteiligt gewesen seien.

Bezirksamtsleiter Andy Grote hatte am Mittwoch betont, das Jugendamt habe die Familie sehr eng begleitet. Mitarbeiter hätten keine Kindeswohlgefährdung gesehen und den Umgang der Eltern mit dem Mädchen als liebevoll beschrieben. Der zuständige Allgemeine Soziale Dienst (ASD) leiste gute Arbeit und sei personell sehr gut ausgestattet.

Die Sozialbehörde gibt derzeit kein Statement ab. Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) sei bestürzt, heißt es. Man werde aber keine vorschnelle Einschätzung abgeben und erst alle Erkenntnisse zusammentragen.

An diesem Montag soll es eine Sondersitzung der Hamburgischen Bürgerschaft geben. «Der Tod der kleinen Yagmur erschüttert uns», sagt die SPD-Abgeordnete Melanie Leonhard. Die Opposition fordert vom SPD-Senat eine lückenlose Aufklärung des Falls.