Kremlkritiker Nemzow in Moskau erschossen

Ein Attentäter hat den russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow in unmittelbarer Nähe des Kremls auf offener Straße erschossen. Das teilte die oberste russische Ermittlungsbehörde mit.

Kremlkritiker Nemzow in Moskau erschossen
Sergei Ilnitsky Kremlkritiker Nemzow in Moskau erschossen

Sowohl die Polizei als auch der Kreml gingen von einem Auftragsmord aus. Der 55 Jahre alte Nemzow war ein profilierter Gegner von Kremlchef Wladimir Putin. Der frühere Vizeregierungschef galt als eine der schillerndsten Persönlichkeiten der russischen Opposition.

Präsident Putin verurteilte den «brutalen Mord» ebenso wie US-Präsident Barack Obama. Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich bestürzt. Regierungssprecher Steffen Seibert teilte in Berlin mit, die Kanzlerin fordere Putin auf, «zu gewährleisten, dass der Mord aufgeklärt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden».

Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte, Nemzows Tod mache ihn «traurig und wütend». Steinmeier würdigte Nemzows politische Unerschrockenheit. Er habe sich «gegen Korruption und Willkür» gestellt - sein Tod sei «ein schwerer Rückschlag für alle, die sich mutig für ein offenes Russland einsetzen.

Putin sprach von einer politischen «Provokation». Die Bluttat habe alle Anzeichen eines Auftragsmordes, sagte Putins Sprecher Dmitri Peskow. Der Friedensnobelpreisträger und Ex-Kremlchef Michail Gorbatschow warnte vor einer Destabilisierung der Lage in Russland.

Die Situation in Russland ist angesichts des Ukraine-Konflikts gespannt. Nemzow gehörte zu den prominenten Wortführern der Opposition, die an diesem Sonntag in Moskau Tausende unzufriedene Russen zu einem Marsch von Regierungsgegnern auf die Straße bringen wollte. Die Organisatoren sprachen sich dafür aus, die Kundgebung abzusagen. Nemzow hatte Putin eine Aggression gegen die Ukraine vorgeworfen.

Nach Kremlangaben beauftragte der Präsident die leitenden Mitarbeiter der obersten Ermittlungsbehörde, des Innenministeriums und des Inlandsgeheimdienstes FSB, die Ermittlungen persönlich in die Hand zu nehmen. In einer vom Weißen Haus verbreiteten Erklärung forderte Obama die russische Führung zu einer «schnellen, unvoreingenommenen und transparenten» Aufklärung des Verbrechens auf. Auch in vielen europäischen Staaten wurde eine rasche Aufklärung gefordert.

Nemzow war am Freitag um 23.40 Uhr Ortszeit (21.40 MEZ) von hinten mit einer Pistole erschossen worden. Der Täter habe aus einem Auto heraus sieben oder acht Schüsse auf Nemzow abgefeuert, sagte Innenministeriumssprecherin Jelena Alexejewa. Vier Kugeln trafen Nemzow in den Rücken. Anschließend flüchtete der Schütze in einem weißen Auto. Am Tatort gibt es Videoüberwachung, die möglicherweise weitere Hinweise auf die Täter geben könnte, hieß es.

Der Regierungsgegner soll wenige Minuten zuvor mit einer Bekannten aus der Ukraine über den Roten Platz spaziert sein. Die Frau, Medien zufolge eine 23 Jahre alte Ukrainerin, überlebte das Attentat. Nemzow galt als glühender Unterstützer der proeuropäischen ukrainischen Führung in Kiew. Dort äußerte sich Präsident Petro Poroschenko schockiert über den Mord. In Kiew legten Bürger noch in der Nacht Blumen vor das Gebäude der russischen Botschaft. Auch in Moskau lagen am Tatort Blumen und Kerzen.

Nemzow hatte nach Informationen des früheren georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili an einem Bericht über die russische Verstrickung in den Krieg in der Ostukraine gearbeitet. Er habe die russische Öffentlichkeit darüber informieren wollen, sagte Saakaschwili dem US-Sender CNN. Die Ermordung Nemzows sei für ihn keine Überraschung. «Ich bin nur überrascht, dass er nicht schon früher getötet wurde.» In einem eindringlichen Appell hatte Nemzow den Einsatz von russischen Soldaten in der Ostukraine - ohne Erkennungszeichen an den Uniformen - als «illegal» kritisiert.