Kritik am neuen Whitney Museum im New York

Zur Eröffnung leuchtet sogar das Empire State Building in eigens ausgewählten Farben und die First Lady Michelle Obama kommt persönlich vorbei.

Kritik am neuen Whitney Museum im New York
Justin Lane Kritik am neuen Whitney Museum im New York

Dass eines der großen Museen New Yorks seinen Hauptsitz aufgibt und in einem anderen Stadtviertel komplett neu bauen lässt, das hat es in der Millionenmetropole seit einem halben Jahrhundert nicht mehr gegeben. «Historisch» sei der Umzug seines Whitney Museums, schwärmt dann auch Direktor Adam Weinberg.

Jahrzehntelang hatte die Ausstellungshalle für amerikanische Kunst an einer der schicksten Adressen Manhattans residiert: 945 Madison Avenue, Ecke 75. Straße, mitten in der noblen Upper East Side in einer Architektur-Ikone von Marcel Breuer. Aber im Herbst hatte das Whitney dort die Türen geschlossen und startet an diesem Freitag (1. Mai) neu: Rund acht Kilometer weiter südlich im Szene-Viertel Meatpacking District hat der italienische Star-Architekt Renzo Piano dem Whitney für 422 Millionen Dollar (etwa 380 Millionen Euro) einen neuen Museumspalast gebaut.

«Wir sind aus unserem alten ikonischen Gebäude einfach herausgewachsen», erklärt Aufsichtsratsmitglied Bob Hearst. Als das Whitney Mitte der 60er Jahre in den Breuer-Bau zog, hatte es rund 2000 Werke in seiner Sammlung und einige Dutzend Mitarbeiter. Heute sind es 300 Mitarbeiter und 21 000 Werke.

Das neue Gebäude bietet dann auch dreimal so viel Fläche wie das alte, dazu auf acht Etagen mehrere Terrassen und Panoramablicke über Manhattan und den Hudson River. Für die Eröffnungsausstellung «America Is Hard to See» haben die Kuratoren die Archive durchgekramt und sind auf Bilder gestoßen, die teils noch nie, teils seit Jahrzehnten nicht mehr zu sehen waren. «Wir haben hier Möglichkeiten, die wir nie zuvor gehabt haben», jubelt Direktor Weinberg.

Aber bei weitem nicht alle sind so begeistert. Der Bau erinnere an ein Krankenhaus oder eine Fabrik, kritisiert die «New York Times» und das «New York Magazin» schimpft, das Gebäude sei «absichtlich klobig»: «Das Ding könnte in einem Ikea-Karton angeliefert und dann erstaunlich schlecht zusammengesetzt worden sein.» Passanten kritisieren unter anderem, dass es von der direkt angrenzenden und besonders bei Touristen beliebten Highline, der zum Grünstreifen umgebauten früheren Hochbahn, keinen direkten Zugang zum Gebäude gibt. Die flache Vortreppe, die laut den Museumsbetreibern zum gemütlichen Sitzen einladen soll, grenzt außerdem direkt an eine Autobahn.

Er habe gewusst, dass die Aufgabe schwierig werden würde, sagt Architekt Piano, der unter anderem schon das Centre Pompidou in Paris, ein großes Bürohaus am Potsdamer Platz in Berlin und das Hauptgebäude der «New York Times» in Manhattan gebaut hat. «Der Breuer-Bau ist fantastisch, jeder liebt ihn. Und deswegen war es nicht einfach, ein neues Whitney zu bauen. Aber ich glaube, dass wir es geschafft haben, und deswegen nenne ich es auch nicht das neue Whitney, sondern einfach das Whitney.»

Die Museumsbetreiber wollten sich anbiedern und seien deshalb dem Trend und den Geldgebern gefolgt - mit einem glitzernd-grauen Museumsneubau im Szene-Viertel, sagen Kritiker. Das Whitney kehre zu seinen Wurzeln zurück, entgegnen Fürsprecher. Denn ganz um die Ecke in Greenwich Village hatte die reiche Sammlerin Getrude Vanderbilt Whitney das Museum Anfang der 1930er Jahre gegründet, bevor es dann nach Midtown und wenig später in den Breuer-Bau Uptown gezogen war.

Heute gehört das Whitney zu den vier großen Museen der Millionenmetropole, gemeinsam mit Metropolitan, Guggenheim und dem Museum of Modern Art (MoMA). Auch MoMA und Metropolitan haben in jüngster Zeit große Renovierungs- und Erweiterungsvorhaben angekündigt - in der New Yorker Museumsszene spielt sich ein Elefantenrennen ab. Das Metropolitan Museum übernimmt dafür auch den Breuer-Bau und macht ihn zur Zweigstelle.

Aber so viel Spott die neue Whitney-Verpackung auch abbekommt, beim Inhalt sind sich Kritiker und Fürsprecher einig: Die luftigen Galerien mit den hellen Holzböden seien die perfekte Umgebung für all die Jackson Pollocks, Dennis Hoppers und Alexander Calders. «Amerikanische Kunst», so schreibt auch das «New York Magazine», «hat noch nie so gut ausgesehen.»