Kultfigur und Pop-Ikone: Botticelli in Berlin

Seine Gemälde finden sich auf Handtaschen, Trinkbechern und Flipflops, Lady Gaga posiert als seine Venus, und sogar eine Leichtmetallfelge für Luxusautos ist nach ihm benannt: Der italienische Maler Sandro Botticelli (1445-1510) ist von Werbung und Popkultur vereinnahmt wie kaum ein anderer Künstler weltweit.

Die Berliner Gemäldegalerie geht dem Hype um den großen Florentiner in einer ebenso hochkarätigen wie ungewöhnlichen Ausstellung nach. Neben mehr als 50 seiner Originalwerke sind rund 100 Bilder und Objekte von Künstlern zu sehen, die sich bis heute mit ihm auseinandersetzen - von Andy Warhol bis Cindy Sherman, von René Magritte bis David LaChapelle.

«In einem kunsthistorischen Rückwärtsgang versuchen wir Botticelli freizulegen von den zwiebelartigen Schalen, die sich um ihn herum angereichert haben», sagte Museen-Generaldirektor Michael Eissenhauer. «Ein neuer Blick auf einen alten Meister.»

Unsichtbarer Star der Ausstellung ist Botticellis Kultbild schlechthin, «Die Geburt der Venus» (um 1484). Die aus dem Meerschaum geborene Liebesgöttin, die nackt auf einer Muschel zur Küste treibt, musste zwar in ihrem angestammten Heim in den Uffizien von Florenz bleiben - doch die Berliner Gemäldegalerie besitzt die erste «Verselbstständigung» der Figur von 1490.

Herausgelöst aus der Meeresszene hatte Botticelli die schon damals legendäre Schönheit später mehrmals als einzelnen Akt geschaffen - immer mit dem gleich anmutig geneigten Haupt, von Goldhaar umflossen, die langgliedrige Hand leicht auf die weibliche Blöße gelegt.

In der Ausstellung sind dieser «Berliner Venus» frappierend nachempfundene und verfremdete Venusfiguren beiseitegestellt - von namhaften Künstlern bis hin nach Japan, China, Ägypten und Brasilien. «Wir sehen, wie Botticelli über Europa hinaus unser universales Bildgedächtnis geprägt hat», sagt Kurator Ruben Rebmann. «Der Blick auf das Original wird gefiltert durch die Interpretation anderer Künstler.»

Im letzten Raum sind dann - für die Menge fast zu dicht und komprimiert - die echten Botticellis zu sehen. Neben den acht Originalen, die die Gemäldegalerie selbst besitzt, sind es Leihgaben aus London und Paris, Italien und den USA. Als besonderes Highlight gilt das «Porträt einer Dame (Smeralda Bandinelli)», das vom Victoria und Albert Museum in London beigesteuert wurde.

Die Briten sind Kooperationspartner des Berliner Projekts. Bei ihnen wird die vom 24. September bis zum 24. Januar 2016 laufende Schau im Anschluss zu sehen sein. Ihre «Smeralda» erzählt auch davon, dass Botticelli ein nach seinem Tod zunächst vergessener Künstler war.

Erst im 19. Jahrhundert wurde er vor allem durch die englische Künstlervereinigung der Präraffaeliten wiederentdeckt. Einer ihrer Vertreter konnte das damals weitgehend unbekannte Smeralda-Porträt 1867 für lächerliche 20 Pfund kaufen - «ein Schnäppchen», wie der britische Museumsdirektor Mark Evans trocken meint.

Insgeheim hoffen die Verantwortlichen, mit ihrer Ausstellung einen ähnlichen Coup zu landen, wie ihn das Frankfurter Städel Museum mit seiner Botticelli-Schau 2009 hatte. Stundenlang standen die Menschen damals Schlange, eine Rekordzahl von fast 370 000 Besuchern kam.

In Berlin wird dafür kräftig die Werbetrommel gerührt. Seit Wochen laufen Werbespots im Internet, in denen vage an Botticelli-Figuren erinnernde Zeitgenossen auf die Schau aufmerksam machen. Und vor dem Museum lockt eine begehbare Muschel die Besucher, sich selbst als Venus zu inszenieren - «ob mit Regenschirm oder Bommelmütze, bleibt Ihnen überlassen».