Kurden-Bastion Kobane droht an IS zu fallen

Die Einnahme der seit Tagen umkämpften syrisch-kurdischen Grenzstadt Kobane durch die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Trotz internationaler Luftschläge und massiver Gegenwehr kurdischer Kämpfer rückten die IS-Milizen weiter in die strategisch wichtige Stadt an der Grenze zur Türkei ein. «Kobane ist dabei zu fallen», sagte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan vor syrischen Flüchtlingen. Die Luftunterstützung für die kurdischen Verteidiger kritisierte er als unzureichend.

«Nur durch Luftangriffe können Sie diesem Terror kein Ende setzen», sagte Erdogan nach Angaben der staatsnahen Nachrichtenagentur Anadolu. Er forderte erneut die Bildung einer Schutz- und einer Flugverbotszone in Syrien. Moderate Kämpfer der Opposition in Syrien müssten gestärkt werden.

Zuvor hatten IS-Kämpfer laut syrischen und kurdischen Aktivisten mindestens drei östliche Stadtteile von Kobane eingenommen. Sollten die Dschihadisten die ganze Stadt erobern, hätten sie einen langen, durchgängigen Grenzstreifen zum Nato-Land Türkei unter Kontrolle. Die im syrischen Bürgerkrieg stark gewordene Terrormiliz beherrscht bereits weite Landstriche in Syrien und im Irak.

Das türkische Parlament hatte der Regierung in Ankara am Donnerstag das Mandat erteilt, militärisch gegen Terrorgruppen in Syrien und im Irak vorzugehen. Allerdings griffen die an der Grenze stationierten türkischen Truppen bislang nicht in die Kämpfe ein.

Kurdische Volksschutzeinheiten erklärten Kobane (arabisch: Ain al-Arab) zur «Militärzone» und brachten die noch verbliebenen Zivilisten an die nahe gelegene Grenze. Nach Angaben der syrischen Menschenrechtsbeobachter wurden seit Beginn der IS-Offensive auf Kobane vor drei Wochen mehr als 400 Menschen getötet - die meisten seien IS-Extremisten und kurdische Milizionäre.

Kobane ist die letzte Bastion in einer Enklave, die bisher von den kurdischen Volksschutzeinheiten kontrolliert wurde. IS-Dschihadisten haben seit September mehr als 300 Dörfer im Umland von Kobane eingenommen, rund 185 000 Menschen flohen in die Türkei. Etwa 5000 Kurden stellen sich derzeit den IS-Extremisten entgegen.

In mehreren deutschen und europäischen Städten gingen Tausende Menschen auf die Straßen, um auf die verzweifelte Lage in Kobane aufmerksam zu machen. In einigen Städten verschafften sich kurdische Demonstranten und ihre Unterstützer Zutritt zu öffentlichen Gebäuden wie Funkhäusern oder Parlamenten. Die Aktionen blieben weitgehend friedlich.

Protestaktionen gab es unter anderem in Berlin, Hamburg, Bremen, Hannover, Düsseldorf, Dortmund, Münster, Frankfurt/Main und Stuttgart. Manche Protestierer trugen Fahnen linksextremistischer Organisationen. Auch Bilder des in der Türkei inhaftierten früheren Chefs der kurdischen Arbeiterpartei PKK, Abdullah Öcalan, waren zu sehen. Die PKK ist auch in Deutschland verboten und wird in der EU und den USA als terroristische Vereinigung geführt.

Auch in Den Haag, Brüssel, Paris, Straßburg, Basel und Wien fanden Solidaritätsaktionen mit Kobane statt. In Istanbul kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. Auf der zentralen Einkaufsstraße Istiklal warfen in der Nacht zum Dienstag Demonstranten laut Augenzeugen Steine, die Polizei setzte Tränengas ein. Auch in der Hauptstadt Ankara und in mehreren Städten im kurdischen Südosten des Landes kam es zu Protesten und Polizeieinsätzen.

Im Irak bombardierten erstmals niederländische Kampfflugzeuge die Terrormiliz IS. Insgesamt wurden drei Bomben auf IS-Fahrzeuge im Norden des Landes geworfen, wie das Verteidigungsministerium in Den Haag mitteilte. Die F-16 seien nach einem Angriff von IS-Kämpfern auf kurdische Peschmerga zum Einsatz gekommen. Die Niederlande beteiligen sich mit sechs Kampfflugzeugen an der von den USA geführten Anti-IS-Koalition. Sie sollen Ziele der Terrormiliz angreifen und kurdische und irakische Bodentruppen aus der Luft unterstützen. An Angriffen auf Ziele in Syrien beteiligen sich die Niederlande nicht.