Laut, aber freundlich - Ein Treffen mit Ben Becker

Vor der Premiere hat Ben Becker überlegt, ob er für sein neues Stück im Berliner Dom ein Mikro braucht. Wer den Schauspieler hört, würde denken: eher nicht. Was für ein Bass.

Laut, aber freundlich - Ein Treffen mit Ben Becker
Jörg Carstensen Laut, aber freundlich - Ein Treffen mit Ben Becker

Seine Stimme erinnert an seinen Ziehvater Otto Sander, den verstorbenen Schauspieler, den er «Papa» nennt. Mit seiner Schwester Meret ist Becker neulich bei Jörg Pilawa im «Quizduell» aufgetreten. Da hat er Ringelnatz rezitiert.

Jetzt ist wieder Literatur dran. Diesmal wird es biblisch. Im Dom will er in «Ich, Judas» den Jünger, der Jesus ans Kreuz lieferte, verteidigen - nach einem Text von Walter Jens und mit John von Düffel als Dramaturg.

Im Café am Berliner Spree-Ufer sausen Touristen auf Segway-Rollern vorbei. Das Telefon klingelt, die Schwester ist dran. «Schnuppchen, darf ich dich zurückrufen?», fragt Becker. Er trägt eine Lederhose und ein offenes Hemd. Auf dem Unterarm hat er den Namen von Schriftsteller Joseph Conrad tätowiert. «Blutsbrüder» von Ernst Haffner über Jugendliche im 30er-Jahre-Berlin hat er als Hörbuch eingelesen. Sowas mag er. Becker, das ist nicht die Kategorie Fernsehfuzzi, sondern Künstler.

Im Fernsehen gebe es einerseits tollere und mutigere Sachen als im Kino, andererseits aber auch «unheimlich viel Scheiß», sagt Becker. «Ich muss da nicht mitmachen und kann das Pferd meiner Tochter mit meiner Kunst bezahlen. Ich lass mich bei «Alarm für Cobra 11» nicht vom BMW überfahren. Ich verurteile aber niemanden, der das macht.»

Gerade hat Becker mit Oliver Hirschbiegel in Prag die deutsch-amerikanische Koproduktion «Berlin - Der geteilte Himmel» gedreht, über sogenannte Romeo-Agenten während des Kalten Krieges (also Geheimdienstmitarbeiter, die eine Liebesbeziehung eingehen und ausnutzen). «Ich spiele einen Wessi, der aus Überzeugung der Stasi zuarbeitet und unheimlich viele Zigaretten raucht.» Für die Rolle ließ er sich einen Bart wachsen.

Becker ist der Rocker, das Raubein unter den deutschen Schauspielern. Mit dem Image hat er gerne in seinen Rollen gespielt. Harte Schale, weicher Kern. Beim Abschied vom Salzburger «Jedermann» hat er auf der Bühne geweint. «Das unfassbar schlechte Kaschieren seiner Liebesbedürftigkeit ist wirklich anrührend», hat der Autor Moritz von Uslar einmal in der Wochenzeitung «Die Zeit» beobachtet.

Im Interview ist Becker freundlich, guckt dem Gegenüber in die Augen. Wie viel Punk steckt noch in ihm? «Sehr viel. Das ist ja prägend.» Mit 13 hatte er seine erste Punk-Schallplatte, er wuchs als Schauspielerkind im wilden West-Berlin der 70er und 80er Jahre auf. Das haftet. «Man kennt ja diese Opas, die sich immer noch die Tolle kämmen: So einer bin ich.»

Vor 20 Jahren hat er mit seiner Schwester die Punk-Story «Sid und Nancy» inszeniert, in einer Kneipe. Ob er so etwas gerne mal wieder machen würde? «Ich mache das ja nach wie vor. Ob ich die Bibel inszeniere, Paul Celan lese und Giora Feidman neben mir auf die Bühne stelle: Es ist ja immer meine Theaterinszenierung. Auch wenn das so nach draußen ungern wahrgenommen wird.»

Nun also der «Bad Boy» der Bibel. Premiere ist diese Woche. Die Kirchen-Inszenierung wird im März auch im Hamburger Michel zu sehen sein. Becker sagt, dass er sich vorgenommen habe, den Judas-Text frei zu sprechen, sei ein ganz schöner Hammer. Eine zentrale Botschaft sieht er nicht. Es sei eine einzige Infragestellung. «Und vielleicht ein Hinweis auf Verrat: Wer verrät wen? Wer ist verraten worden? Wen habe ich verraten?»