Le Corbusier kehrt nach Marseille zurück

Architekt Le Corbusier Picasso, Matisse und Bonnard übertreffen? Die Besucherzahlen am Ende der großen Werkschau «Le Corbusier kehrt nach Marseille zurück» werden es in wenigen Wochen zeigen.

Le Corbusier kehrt nach Marseille zurück
Olivier Amsellem Le Corbusier kehrt nach Marseille zurück

Der Andrang in der bis zum 22. Dezember dauernden Schau im J1, einem riesigen Hangar, der zu einem Ausstellungszentrum umfunktioniert wurde, ist beeindruckend. Gezeigt werden 260 Originalwerke aus den letzten zwanzig Schaffensjahre des schweizerisch-französischen Multitalents, darunter Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Fotografien und Architekturmodelle.

Die Doppelausstellung «Das Atelier im Süden», bei der sich Marseille und Aix-en-Provence die Ikonen der klassischen Moderne aufteilten, lockte im Sommer 470 000 Besucher in die Stadt am Mittelmeer. Das ist viel, doch hatten die Organisatoren mehr erwartet. Die Überraschungs-Ausstellung scheint «Le Corbusier und die Frage des Brutalismus» zu sein, wie der Untertitel der letzten großen Kulturhauptstadt-Ausstellung in Marseille heißt.

Der Kurator Jacques Sbriglio legte den Schwerpunkt auf die Jahre 1945/1965. «Das war ein Wendepunkt in seinem künstlerischen Schaffen. Denn er sprach von Kunst und Poesie und nicht mehr nur von Theorie», erklärte der Architekt italienischer Herkunft. Le Corbusier sei ein Romantiker und Dichter innerhalb des Brutalismus gewesen, fuhr Sbriglio fort. Man könne seine Tätigkeit als Bauplaner nicht von seiner Malerei trennen. Beide standen im Wechselspiel miteinander.

Der Brutalismus, ein Architekturstil der Moderne, erlebte seine Blütezeit zwischen 1853 und 1967. Er strebte eine rein geometrische Formensprache an und wollte das Baumaterial, vor allem den «béton brut», den rohen Beton, sichtbar machen. Der Künstler-Architekt experimentierte dabei mit Farben und organischen Formen.

Corbusier, mit richtigem Namen Charles-Edouard Jeanneret, war ein Multitalent, auch wenn er vor allem als Architekt und Möbeldesigner Ruhm und Anerkennung fand. Als Maler setzte er sich zunächst mit dem Kubismus auseinander, bevor er zusammen mit Amédée Ozenfant den Purismus gründete, eine Bewegung, die nach einer klaren, einfachen und funktionalen Linie strebt - wie seine Architektur.

So stehen die Werke im J1 im Dialog miteinander. Neben «Femme et Coquillage» (etwa: Frau und Muschel) oder «Je rêvais» (etwa: Ich träumte), großformatige Gemälde, auf denen er die Bildinhalte auf Zeichen und Linien reduziert, ist der Entwurf seiner berühmten Wohnmaschine «Cité radieuse» in Marseille ausgestellt.

Damit hat sich Le Corbusier in der zweitgrößten Stadt Frankreichs 1952 ein Denkmal gesetzt: Ein achtzehnstöckiges Gebäude mit 337 komfortablen Wohnungen, einem Hotel, einer Schule, einer Buchhandlung, einem Restaurant und seit diesem Sommer einem Kunstzentrum auf der Dachterrasse. Die «Strahlende Stadt» ist bei den Einwohnern sehr beliebt, was sich offensichtlich in der Ausstellung widerspiegelt.