Lehrer in Aufruhr: «Früher hieß das Absolutismus!»

Wer hier auf der Streikversammlung der Lehrer steht, ist kein Beamter - sonst dürfte er gar nicht hier sein. An den Beamten messen sie sich aber - zumindest an deren vergleichsweise üppiger Bezahlung. Sie verdienen weniger und finden das ungerecht.

«Ich hab mich zu spät entschieden für den Beruf», erzählt eine 51 Jahre alte Förderschullehrerin, «ich war zwei Monate zu alt, um verbeamtet zu werden».

Ihr Beruf mache ihr Spaß, versichert die zierliche Dunkelhaarige an dem Streiktag. Und gestreikt hat sie auch noch nie. Doch die ungleiche Bezahlung sei einfach ungerecht. «Es sind 180 000 Euro, die man nicht hat.» Auf diesen Betrag summiere sich über 30 Jahre die Gehaltslücke zu Lehrern im Beamtenstatus, rechnet sie vor.

Die gut 250 Pädagogen, die das Klassenzimmer mit dem Streiklokal in Düsseldorf vertauscht haben, sind nicht laut, sie schreien keine Parolen und tragen auch keine Protestplakate. Doch sauer ist jeder, auf seine Art. «Ich hab dasselbe studiert, hab 1000 Fortbildungen gemacht», schnaubt eine Gesamtschullehrerin. Über die Differenz der Gehälter sagt die 54-Jährige: «Das ist mein Eigenheim». Wie viele ihrer Kollegen fehlt sie entschuldigt. Sie hat ihrer Schule die Teilnahme am Warnstreik angekündigt.

Dorothea Schäfer, die Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW in Nordrhein-Westfalen, kommentiert die Verhandlungen mit der Tarifgemeinschaft der Länder als Provokation und Unverschämtheit. «Ohne gut bezahlte Beschäftigung gibt es keine gute Bildung», ruft sie unter Beifall.

Doch selbst die Gewerkschaftsfunktionärin bemerkt, dass auffallend wenig junge Lehrer beim Warnstreik mitmachen. Denn Nachwuchs-Pädagogen werden oft nur befristet angestellt, sie sind auf immer neue Verträge angewiesen. Die hohe Zahl der Befristungen solle reduziert werden, fordert sie. Es geht in NRW laut Gewerkschaft immerhin um 12 000 befristet und 27 000 dauerhaft angestellte Lehrer. Beamtenstatus haben dagegen 153 000 Pädagogen.

Eine Gruppe aus Gesamtschul- und Gymnasiallehrern steht an Tischen und trinkt Kaffee aus Pappbechern. Man ist sich einig, dass die Beamten sich über den Streik ihrer angestellten Kollegen freuen können. Denn schließlich werde eine spätere Tarifvereinbarung für die Angestellten der Länder in der Regel für Beamte übernommen. Nur dass die Angestellten in die Sozialsysteme einzahlen müssen.

Die Runde vermisst Gerechtigkeit von ihrem Arbeitgeber, dem Land Nordrhein-Westfalen: Das strebe eine gleiche Bezahlung von Angestellten und Beamten gar nicht an. «Früher hieß das Absolutismus», ruft eine Gesamtschullehrerin empört. Damit ist ihr Nachbar aber nicht einverstanden - er ist Geschichtslehrer.

In anderen Bundesländern können Lehrer leichter Beamte werden. Eine Freundin sei der Liebe wegen aus Berlin nach Hessen gezogen, erzählt eine Frau. Sie sei mit 46 Jahren verbeamtet worden. «Für sie freut es mich - aber was soll ich in Hessen?», sagt die 54-jährige Mutter zweier Kinder. Eine 63-jährige Realschullehrerin meint über sich und andere Kollegen: «Wir waren jahrelang auf Halde». Es gab zu viele Lehrer und keine Stelle. Doch dann kam der Lehrermangel und damit doch noch ein Job - für die Verbeamtung waren viele da zu alt.