Lenz-Roman «Deutschstunde» wird im Theater zum Lehrstück

Das Buch kommt erstmals auf die Bühne, die literarische Erzählung wird zur schauspielerischen Darbietung: Der 1968 erschienene Erfolgsroman «Deutschstunde» von Siegfried Lenz hat die Theaterbühne erreicht.

Lenz-Roman «Deutschstunde» wird im Theater zum Lehrstück
Patrick Seeger Lenz-Roman «Deutschstunde» wird im Theater zum Lehrstück

Der Münchner Theaterproduzent und Regisseur Stefan Zimmermann inszeniert. Es ist das erste Mal, dass der Lenz-Roman im Theater als Schauspiel gezeigt wird. Uraufführung war am Dienstagabend in der Schwarzwaldstadt Lahr. Nun geht das Stück deutschlandweit auf Tournee. Lenz ist am 7. Oktober im Alter von 88 Jahren gestorben und vor einer Woche in Hamburg beigesetzt worden. Er hat das Stück noch selbst autorisiert - ohne eine einzige Änderung.

Das zweieinhalb Stunden dauernde Schauspiel in sieben Bildern rückt das Kernthema des Romans, Schuld und Pflicht in der Zeit des Nationalsozialismus, in den Mittelpunkt. Und dient damit, wie schon das literarische Werk, der Aufarbeitung der NS-Zeit.

Das Stück zeigt den Maler Max Ludwig Nansen, der in der Nazizeit als «entarteter Künstler» gebrandmarkt, mit einem Malverbot belegt und vom Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen drangsaliert wird. Und parallel den Sohn des Polizisten, Siggi Jepsen, der seine Erinnerungen an Kindheit und Jugend nach Kriegsende in Aufsätzen niederschreibt. Diese Dreiecksbeziehung stellt Zimmermann in die Mitte. Die Pflicht, die dem Vater und Polizisten zur Nazizeit und auch nach dem Krieg als Legitimation dient, wird für den schreibenden Sohn zum bestimmenden Thema, «Die Freuden der Pflicht» zum Aufsatzthema. Es geht um Mitläufertum und Schuld, um Verantwortung und falsches Pflichtverständnis.

Dem 54 Jahre alten Zimmermann ist ein starkes und sehenswertes Stück gelungen. Er bleibt mit seinem Schauspiel bewusst nah am Original, erhält die Sprache des Schriftstellers und des Romans, die unverändert aktuell ist. Und macht mit seiner Inszenierung beeindruckend die Dramatik sichtbar. Er zeigt das Thema direkt und unverfälscht, mit einer gekonnten Dramaturgie und einer klugen Besetzung.

«Pflicht ist für mich nur blinde Anpassung», sagt der Maler Nansen in dem Stück. Vorlage für die Figur ist der berühmte Expressionist Emil Nolde (1867-1956), der von den Nazis Berufsverbot erhielt. Verkörpert wird er im Zimmermann-Stück mit seinem neunköpfigen Ensemble von dem durch mehrere Fernsehserien («Ein Bayer auf Rügen», «Tatort») einem Millionenpublikum bekannten Schauspieler Max Volkert Martens.

«Es ist ein spannender und aktueller Stoff», sagt Zimmermann, der drei Jahre lang an dem Stück gearbeitet hat. Als er 19 Jahre alt war, las er als Student der Literaturwissenschaft die «Deutschstunde» zum ersten Mal, vor einigen Jahren holte er sie wieder aus dem Bücherschrank. Nun wagt er sich als erster Theatermacher an das Meisterwerk. Die Kleinstadt Lahr als Ort der Uraufführung wählte er, weil er dort nach eigener Aussage die besten Produktionsbedingungen fand.

Bis Mai nächsten Jahres wird es 34 Aufführungen in mehreren deutschen Städten geben. Die nächste Aufführung ist an diesem Freitag (7. November) in Burghausen in Oberbayern.

Am Thalia Theater in Hamburg wird am 22. November eine weitere Theaterfassung des Romans auf die Bühne kommen. Dort inszeniert der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete niederländische Theaterregisseur Johan Simons. Seine Fassung wird jedoch einen anderen Schwerpunkt haben, sagt eine Sprecherin des Theaters. Im Zentrum stehen demnach die Bilder der norddeutschen Landschaft, in der der Roman spielt, die Nähe zum Meer und der Bezug zu den in der norddeutschen Weite lebenden Menschen.