Libyscher Regierungschef nach Entführung wieder frei

Ein arabischer Regierungschef, der morgens entführt und mittags von «Revolutionären» befreit wird. So was kann es wirklich nur in Libyen geben. Libyens Ministerpräsident Ali Seidan nimmt das Chaos gelassen.

Eine Gruppe bewaffneter Ex-Revolutionäre hatte Seidan für mehrere Stunden in ihre Gewalt gebracht. Das Geiseldrama endete, als Angehörige einer anderen «Revolutionsbrigade» das Gebäude in Tripolis stürmten, in dem Seidan festgehalten wurde. Die Entführer, die Seidan am Morgen aus einem Hotel in der Hauptstadt verschleppt hatten, leisteten nach Informationen lokaler Medien keinen Widerstand. Seidan betonte nach seiner Befreiung, er lasse sich durch Gewalt nicht einschüchtern.

«Wenn es das Ziel dieser Entführung war, mich zum Rücktritt zu bewegen, dann kann ich dazu nur sagen, dass ich nicht zurücktreten werde», schrieb der 62-Jährige im Kurznachrichtendienst Twitter. Später berief er eine Sitzung seines Kabinetts ein. Seidan versuchte, die Lage zu beruhigen. Er sagte, seine Entführung habe mit internen Konflikten zu tun. Ausländische Diplomaten oder Geschäftsleute müssten nichs befürchten. Die Sicherheitslage sei stabil.

Bei den Entführern handelte es sich laut lokalen Medien um Angehörige einer Einheit, die zwar unter dem Dach des Innenministeriums operiert. Sie soll aber ohne Befehl ihrer Vorgesetzten agiert haben. Nach Informationen aus Regierungskreisen wurde Seidan schließlich von einer Brigade ehemaliger Revolutionäre aus dem Stadtviertel Al-Furnadsch befreit. Dabei soll kein Schuss gefallen sein. Der Regierungschef blieb unverletzt. Seidan dankte den «echten Revoltionären».

Die Entführer hatten zunächst versucht, die Verschleppung des Regierungschefs als «Festnahme» zu verkaufen. Dies wurde jedoch von den anderen Regierungsmitgliedern nicht akzeptiert. Die Generalstaatsanwaltschaft betonte am Morgen, es sei kein Haftbefehl für Seidan ausgestellt worden. Parlamentspräsident Nuri Abu Sahmien, sagte vor der Presse: «Es gibt keine Immunität für Revolutionäre.» Berichte, wonach Parlamentsabgeordnete Beziehungen zu den Entführern haben sollen, wurden offiziell nicht bestätigt.

Beobachter vermuteten einen Zusammenhang zwischen der Entführung und der Gefangennahme des mutmaßlichen Al-Kaida-Terroristen Abu Anas al-Libi in Tripolis am vergangenen Samstag. Die Verschleppung von Al-Libi durch ein US-Sonderkommando war in Libyen selbst von Menschen, die nicht mit dem islamistischen Terrornetz sympathisieren, als Verletzung der staatlichen Souveränität kritisiert worden.

Seidan warf man vor, er habe die Aktion vorab gebilligt. Die Regierung bestellte nach dem Verschwinden von Al-Libi die US-Botschafterin ein. Sie betonte aber, man wolle an den guten Beziehungen festhalten. Kurz vor seiner Entführung hatte der Regierungschef Angehörige von Al-Libi empfangen, die ihn aufforderten, sich für dessen Rückkehr nach Libyen einzusetzen.

Schon mehrfach hatten Angehörige von Brigaden, die 2011 gegen die Truppen von Langzeitherrscher Muammar al-Gaddafi gekämpft hatten, das Kabinettsgebäude, in dem Seidan sein Büro hat, attackiert oder umzingelt. Meist ging es dabei um finanzielle Forderungen oder um die Freilassung von inhaftierter Gesinnungsgenossen.

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hatte nach der Entführung des Regierungschefs in Brüssel erklärt, die Nato sei besorgt über die Verschleppung von Seidan. Das Militärbündnis hatte den Revolutionären 2011 mit Luftangriffen auf die Gaddafi-Truppen geholfen, den Diktator zu stürzen.

Gaddafi hatte ein Land ohne funktionierende Institutionen hinterlassen. Es gab damals weder Parteien noch ein Parlament oder eine Verfassung. Aktuell laufen in Libyen die Vorbereitung für die Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung.