Löw vor Auslosung im WM-Modus: Kein Lamentieren

Joachim Löw verzichtet auf eine erste Reise ins nächste Gastgeberland Russland, von seiner WM-Erfolgsstrategie rückt der Bundestrainer aber keinen Millimeter ab.

Trotz drohender Duelle gegen die Ex-Champions aus Italien oder Frankreich schon auf dem Weg zum Projekt Titelverteidigung 2018 gilt für den Weltmeister-Coach unverändert: Gejammert wird nicht. «Wir sind immer gut damit gefahren, nicht zu lamentieren. Letztlich werden sich immer die besten Teams durchsetzen», sagte Löw vor der Auslosung der Qualifikationsgruppen am Samstag (17.00 Uhr/MESZ) in St. Petersburg.

Auch vor dem WM-Triumph von Rio 2014 hatte der DFB-Chefcoach Bastian Schweinsteiger und Co. immer wieder eingetrichtert, selbst schwierige Bedingungen zu akzeptieren. Bevor er sich im Detail auf Russland einstellt, bastelt Löw ohnehin in der Heimat mit seinem Trainerstab zunächst am Fahrplan für den heißen Herbst mit den entscheidenden Partien in der EM-Qualifikation gegen Polen, Schottland und Irland.

«Die WM ist noch weit weg», begründete er den Verzicht auf die Visite in St. Petersburg. «Wir werden die Auslosung erst mal registrieren, detailliert mit ihr auseinandersetzen werden wir uns erst zu einem späteren Zeitpunkt», sagte Löw. Im prächtigen Konstantinpalast der ehemaligen Zarenmetropole ist der Weltmeister durch Teammanager Oliver Bierhoff und DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock vertreten. «In Brasilien war es auch sehr wichtig und hilfreich, frühzeitig ein Gefühl für Land und Leute zu bekommen», erklärte Bierhoff den Nutzen seiner Russland-Inspektion schon drei Jahre vor der WM.

Bierhoff kommt bei der von Noch-FIFA-Chef Joseph Blatter und Russlands Präsident Wladimir Putin eröffneten Gala eine Sonderrolle zu. Wie die Ex-Weltmeister Ronaldo und Fabio Cannavaro gehört er zum prominenten zehnköpfigen Assistententeam von FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke, der durch die 120-Minuten-Show mit erwarteten 100 Millionen TV-Zuschauern in aller Welt führen wird.

Nach Wochen der desaströsen Schlagzeilen hofft die von Skandalen erschütterte FIFA endlich wieder auf positive Bilder. Doch auch in St. Petersburg lassen sich die Korruptionsvorwürfe und Umwälzungen im Weltverband nicht einfach wegwischen. Schließlich war es gerade auch die umstrittene WM-Vergabe an Russland im Paket mit dem Turnier 2022 an Katar, die die FIFA in eine prekäre Schieflage brachte.

Die Gastgeber weisen beharrlich jeden Korruptionsverdacht zurück: «Wir haben eine Untersuchung hinter uns. Wir stellen zur Verfügung, was wir haben», sagte Cheforganisator Alexej Sorokin. Die Forderung nach einem WM-Boykott wegen des Ukraine-Konflikts wird brüsk abgelehnt. «Es erschließt sich mir nicht, warum die Krise in der Ukraine, oder die in irgendeinem anderen Land, sich negativ auf die Austragung der Weltmeisterschaft auswirken könnte. Wir tun unser Bestes, um eine tolle WM zu organisieren und ich denke, unser Land hat es verdient, Gastgeber zu sein», sagte Sorokin.

Hinter den Kulissen wird derweil kräftig an der neuen Machtstruktur im Weltverband gebastelt. Michel Platini, in seiner Funktion als UEFA-Chef auch Vorsitzender des FIFA-WM-Organisationskomitee, will dem Vernehmen nach die Anwesenheit der versammelten Funktionärswelt nutzen, um weiter seine Chancen für eine erfolgreiche Kandidatur zum FIFA-Boss bei der anstehenden Wahl am 26. Februar 2016 auszuloten. Mit einer Bekanntgabe der Kandidatur wird Anfang August gerechnet.

Für Löw sind diese Themen sekundär. Aus der Ferne wird der Bundestrainer verfolgen, welche Kontrahenten nach der EM 2016 auf die DFB-Auswahl warten. Das traditionelle deutsche Losglück muss dabei wieder heraufbeschworen werden. Denn eine Hammergruppe mit Italien, Polen und der Türkei als Kontrahenten aus den Töpfen zwei bis vier ist wegen der Eingruppierung der Teams nach der aktuellen Weltrangliste ebenso möglich wie ein leichter Weg mit der Slowakei, Albanien und den Färöer als Gegnern aus diesen Loskategorien.

«Es ist nun mal der neue Modus, dass die Weltrangliste herangezogen wird. Wenn es zu solchen Paarungen käme, wären das doch interessante Spiele», sagte Löw zu Frankreich oder Italien als möglichen Gegnern, gegen die die DFB-Auswahl noch nie in einer Qualifikation antreten musste. Gegen Italien konnte Deutschland keines seiner acht Pflichtspiele bei Welt- und Europameisterschaften gewinnen.

Sicher ist derzeit nur, dass Deutschland wegen der TV-Verträge in einer von sieben Sechsergruppen spielt und somit auch einen Kontrahenten aus dem Topf 6 der Fußball-Zwerge bekommt. Dort befinden sich unter anderem San Marino, Andorra und Liechtenstein - Kontrahenten dieses Kalibers hat Löw noch nie so recht geschätzt.