Lufthansa will durchstarten

Lufthansa hat die Katastrophe des Germanwings-Absturzes mit 150 Toten noch längst nicht verarbeitet. Bei der Hauptversammlung am Mittwoch in Hamburg gab Vorstandschef Carsten Spohr aber das Signal zur Lösung drängender anderer Probleme.

Überraschend ging er einen Schritt auf die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) zu und bot ihr die lange geforderte Gesamtschlichtung zu allen offenen Tariffragen an. Noch in dieser Woche könne über die Person des Schlichters gesprochen werden. Die offenbar überraschte Gewerkschaft will die Offerte nun prüfen.

Der gefühlte Dauerstreik seit April 2014 hat dem Dax-Konzern laut Spohr bereits einen Schaden von 274 Millionen Euro zugefügt, weitere Buchungsrückgänge seien auch im aktuellen Quartal spürbar. Dass es bislang nicht zur 13. Streikrunde gekommen ist, hängt mit dem Absturz des Germanwings-Flugs 4U9525 vom 24. März zusammen, der zu einer Art Burgfrieden im Angesicht der Katastrophe geführt hat. Eine Einigung mit den hartleibigen Piloten ist auch deshalb wichtig, weil sie als organisationsstärkste und streikmächtigste Beschäftigtengruppe einen Stellvertreter-Konflikt auch für die übrigen Lufthanseaten führen.

Für das Unternehmen besonders wichtig wäre die Umstellung der Betriebsrenten. Wegen nicht mehr am Markt refinanzierbarer Pensionszusagen mit Verzinsungen von um die 6 Prozent muss Lufthansa immer größere Summen für die Altersvorsorge ihrer Mitarbeiter in Cockpit, Kabine und am Boden zurückstellen. Der entsprechende Bilanzposten wuchs 2014 von 4,7 auf 7,2 Milliarden Euro. «Als Pilotenpensionssicherungsverein hat die Lufthansa keine großen Chancen», spottet Markus Neumann von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SDK).

Das Germanwings-Unglück in den französischen Alpen, das mit Schweigeminute und Kondolenzbuch die Atmosphäre der Hauptversammlung in Hamburg beherrschte, ist für die Lufthansa noch längst nicht abgeschlossen. Das Unternehmen rechnet mit einem Ermittlungsverfahren gegen sich in Frankreich, muss sich mit Hilfe der Versicherungen um die Entschädigung der Opfer kümmern und vor allem die internen Sicherheitsprozesse verbessern. «Eine Airline kann man nicht anhalten - nicht für Wochen, nicht für Tage, nicht einmal für Stunden», hat Spohr gesagt. Lufthansa sei entschlossen, Lehren aus dem Absturz zu ziehen - bei Auswahl, Ausbildung und Training der Piloten wie auch in der flugmedizinischen Abteilung.

Die übrigen Probleme des Konzerns sind damit nicht gelöst: Größte Baustelle bleibt das margenschwache Passagiergeschäft der Hauptmarke Lufthansa. Die Schweizer Tochter Swiss liefert konstant hohe Gewinne ab, selbst die lange darbende Austrian Airlines sieht Spohr im Steigflug, und Lufthansa Technik sowie die LSG Sky Chefs sind ohnehin eine sichere Bank im Konzern. Doch die Kranichlinie mit ihrer überalterten Flotte, einer teuren Verwaltung und den streikfreudigen Piloten büßte zuletzt Gewinn ein. «Es wird zwar viel geflogen, aber kein Geld mehr verdient», fasste Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment die Lage zusammen.

Spohr will das ändern, indem er die Service-Sparten stärkt und die Billigfliegerei ausbaut. Im laufenden Jahr will er den Gewinn vor Zinsen und Steuern - Sonderfaktoren herausgerechnet - von zuletzt 1,2 Milliarden auf mehr als 1,5 Milliarden Euro im laufenden Jahr steigern. Dabei baut er auf tausende großer und kleiner Spar- und Effizienzmaßnahmen aus dem Sanierungsprogramm «Score» und eine Strategie, die zwischen billig und Fünf-Sterne-Luxus differenziert.

Der Billigteil läuft künftig unter der Marke Eurowings, unter der in Kürze auch die Tochter Germanwings vermarktet wird. Dank geringerer Betriebskosten sollen die rund 90 Maschinen der beiden Gesellschaften in diesem Jahr erstmals Gewinne auf den Europastrecken abseits von Frankfurt und München einbringen. Im Herbst soll Eurowings auch Langstreckenziele ab 99 Euro pro Strecke anfliegen.

Der edle Teil soll die Kernmarke Lufthansa zu einer Premium-Airline machen, die bei Service und Komfort mit Rivalen wie Emirates oder Singapore Airlines mithalten kann. Die Erneuerung von Flotte und Technik verschlingt Milliardensummen. Auch deshalb gehen die Aktionäre für 2014 bei der Dividende zum wiederholten Mal leer aus. Für 2015 könnten sie wieder etwas bekommen - 32 bis 81 Cent je Aktie seien denkbar, sagt Spohr. Vom bisherigen Spitzenwert von 1,25 Euro aus dem Jahr 2007 wäre die Ausschüttung aber noch weit entfernt.