Löw denkt in Zyklen: Vertrag letztlich zweitrangig

Joachim Löw hat in knapp neun Jahren als Bundestrainer noch nie vehement auf eine vorzeitige Vertragsverlängerung gedrängt - und sie mit einer Ausnahme doch immer bekommen. Nun zeichnet sich offenbar wieder ein neuer Kontrakt für den Weltmeister-Coach ab.

Die «Bild»-Zeitung berichtete, dass die Verhandlungen zwischen Deutschem Fußball-Bund (DFB) und Löws Berater Harun Arslan «sehr weit vorangeschritten» sind. Noch im März könnte der 55-Jährige seinen bis zur EM 2016 in Frankreich datierten Kontrakt bis zum nächsten WM-Turnier 2018 in Russland ausdehnen. Der DFB gibt zu der Personalie keine konkrete Stellungnahme ab. «Dazu gibt es derzeit von uns nichts zu sagen», hieß es auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Eine Verlängerung mit Löw in diesem Jahr wäre keine Überraschung. Es wäre die Fortsetzung einer nur in Krisenfällen ausgesetzten DFB-Tradition. Üblicherweise verlängerte Löw seinen Kontrakt nach geglückter Qualifikation im Herbst für das anstehende Turnier bis zum übernächsten Titelwettkampf. Der aktuelle Kontrakt endet entsprechend im kommenden Sommer. Diesen hatte Löw nach längerem Drängen von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach im Oktober 2013, also neun Monate vor dem WM-Triumph in Brasilien, unterschrieben.

Löws Denken funktioniert anders. Zumal er aus seiner nur mittelmäßig erfolgreichen Zeit als Vereinscoach in Stuttgart, Wien oder der Türkei weiß, dass Verträge schnell nichts mehr wert sein können. Auch vor der WM am Zuckerhut hatte er angemerkt, dass ein Vorrunden-Aus sein DFB-Engagement wohl beenden würde. Auch im Achtelfinale gegen Algerien (2:1 n.V.) stand Löws Zukunft noch auf der Kippe. An diesen Fußball-Mechanismen hat sich nichts geändert. Nicht einmal ein überbordender WM-Bonus würde ihm wohl viel nutzen, wenn die EM in Frankreich in großer Tristesse endet.

Noch zum Jahreswechsel hatte der Bundestrainer erklärt, dass er «im Zwei-Jahres-Zyklus» denke und sich «noch keine Gedanken» über eine Verlängerung gemacht habe. Warum auch. Sogar seinen neuen Kapitän Bastian Schweinsteiger ernannte er - gegen jede DFB-Gewohnheit - erstmal nur für 22 Monate zum Spielführer.

Schlagzeilen, die jetzt eine WM-Titelverteidigung mit Löw in Russland in drei Jahren als Fakt verkaufen, sind daher unabhängig von einer Vertragsverlängerung inhaltlich verfrüht. Eine vorzeitige Ausdehnung wäre nur Absichtserklärung, Wertschätzung und Beruhigungspille. Das Thema wäre vom Tisch und würde ein konzentriertes Arbeiten im Endspurt der holprig angelaufenen EM-Qualifikation und dem Turnier selbst ermöglichen, für Löw, vor allem aber für den DFB inklusive dessen Chef und Löw-Fan Niersbach.

Schon einmal verlängerte Löw im März für gleich mehr als drei Jahre im Voraus. 2011 überraschte der DFB mit einer Verlängerung bis zur WM 2014. Gut ein Jahr zuvor war es noch zum Eklat gekommen, der alle seither folgenden Vertragsgespräche nachhaltig beeinflusste. Der damalige DFB-Boss Theo Zwanziger plauderte indiskret und verfrüht in einem Boulevard-Blatt über eine fixe Verlängerung mit Löw. Das Bundestrainer-Lager war damals gelinde gesagt verstimmt. Die Vertragsgespräche lagen bis nach der WM in Südafrika auf Eis und überlagerten das Turnier am Kap. Daraus hat Niersbach gelernt und will Personalangelegenheiten nicht mehr in ein Turnier hineinziehen.

Derzeit ist allein das Denken über personelle Alternativen obsolet. Löw ist auf dem Weg zu Bundestrainer-Bestmarken. Den besten Punkteschnitt aus seinen 118 Spielen hat er schon. Länger waren bislang nur die ersten drei Bundestrainer, Otto Nerz (1926-1936), Sepp Herberger (1936-1964) und Helmut Schön (1964-1978) im Amt. Sollte Löw tatsächlich bis zur WM 2018 in Russland DFB-Chefcoach bleiben, könnte er auch als erster seinen WM-Titel erfolgreich verteidigen. Herberger (1958) und Schön (1978) gelang dies nicht. Franz Beckenbauer hörte nach dem WM-Sieg 1990 auf.