Machtwechsel auf dem Geisterschiff «Europa»

Um die Asche ihres Dirigenten in der Ägäis zu verstreuen, reisen Mitglieder eines Orchesters auf dem Luxusliner «CS Europa». Es sind Männer und Frauen von etwas altbackener Eleganz, die Rilke rezitieren.

Machtwechsel auf dem Geisterschiff «Europa»
Markus Scholz Machtwechsel auf dem Geisterschiff «Europa»

In schwarz-weißem, kühl abstraktem Ambiente - nur die kupferne Urne glänzt ganz vorne - hängt man herum, hat Schlafstörungen, lässt Hummer-Carpaccio auftischen, streitet diffus über musikalische Form. Und probt unter Leitung des umtriebigen zweiten Dirigenten (Charly Hübner) das Werk «Human Rights Nr. 4», in dem es heißt, «alle Menschen sind frei».

Plötzlich platzen fünf bunt gekleidete, energiegeladene Afrikaner in das Bühnengeschehen. Man habe 63 in Seenot geratene Menschen aufgenommen, informiert der Bordmanager, «wir sind verpflichtet, ihnen humanitäre Hilfe anzubieten». Und aus ist es mit der gepflegten Langeweile. «Wir bringen Farbe ins Leben», schreien die dunkelhäutigen jungen Männer und stören nicht nur die Trauerzeremonie, sondern übernehmen gleich das Kommando im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Sie stürmen über die Zuschauerreihen und drangsalieren das Publikum etwa mit Fragen wie: «Wie würden Sie die deutsch-afrikanischen Beziehungen bezeichnen?», «Wie schreibt man Thomas de Maizière?».

Das alles zeigt Karin Beiers Inszenierung «Schiff der Träume», für die es am Samstagabend nach dreieinhalb Stunden viel Premierenapplaus gab - aber auch nach der Pause gelichtete Reihen. Eine Aufführung nach Federico Fellinis Film von 1983, im Untertitel «Ein europäisches Requiem», die demgemäß in zwei Teile zerfällt: Zunächst erlebt man eine mäßig tiefschürfende musikalische Nummernrevue mit skurrilen Typen und kleinen schrägen Situationen. Nach anderthalb Stunden folgt - die derzeit kulminierende Flüchtlingskrise umkreisend - eine Art drastischer Polit-Popshow, die grell und mit den Ängsten der Europäer um Wohlstand und Macht spielt.

Der Erkenntniswert des Geschehens bleibt aber wohl zweifelhaft. Denn überaus offensichtlich skizziert die Regisseurin nach der von ihr mit Christian Tschirner und Stefanie Carp geschaffenen Textfassung ein kulturell erschlafftes Europa, dessen Menschen vereinzelt, depressiv und streitsüchtig in Passivität verharren, während die Energie anderswo Zuhause ist. Beeindruckend aggressiv und ironisch zugleich spielen, tanzen und stampfen jedoch die Performer Gotta Depri, Patrick Joseph, Ibrahima Sanogo, Michael Sengazi und Sayouba Sigué ihre Parts als selbstbewusste Kulturinvasoren. 

«Ich werde hier alles ändern. Keine Nackten mehr im Schauspielhaus - nur noch Klassiker», rufen sie aus. Die weißen Orchestermusiker haben sie ins Unterdeck verbannt. Nach der Pause referiert ein Quiz-Moderator über die Deutschen als aussterbende Art, zeigt Fotos von Schönheitsoperierten. Ein Schwarzer droht: «Ich schaff’ euch ab.»

Doch dann veranstalten Afrikaner und Europäer gemeinsam einen wilden Tanzwettbewerb. Beschwören einen «gleichberechtigten Status der Teilhabe an der Welt», rufen auf zur nötigen Selbstreparatur der Menschen. Und es passiert ein krachendes Donnerwetter. Ist am Ende alles nur eine Integrationsprobe für Verunsicherte, wie es die stotternde, deklassierte Kellnerin behauptet?