Mahnwache gegen Terror und Islamfeindlichkeit

Mit einer Demonstration der Solidarität nach dem Terror von Paris haben die Spitzen von Staat und Religionen ein Zeichen für ein friedliches Zusammenleben in Deutschland gesetzt.

Mahnwache gegen Terror und Islamfeindlichkeit
Lukas Schulze Mahnwache gegen Terror und Islamfeindlichkeit

Bundespräsident Joachim Gauck rief alle Menschen in Deutschland unabhängig von Religion und Herkunft dazu auf, sich für Demokratie und Weltoffenheit einzusetzen. «Wir alle sind Deutschland», sagte Gauck am Dienstag bei einer Mahnwache vor dem Brandenburger Tor in Berlin. «Wir schenken Euch nicht unsere Angst. Euer Hass ist unser Ansporn.»

Nach Angaben der Polizei verfolgten etwa 10 000 Menschen vor dem Brandenburger Tor die Kundgebung. Zum Abschluss demonstrierten viele Teilnehmer Einigkeit: Sie hakten sich nach dem Vorbild der Großdemonstration in Paris vom Sonntag unter und schlossen die Reihen.

Zu der Mahnwache für ein «weltoffenes und tolerantes Deutschland und für Meinungs- und Religionsfreiheit» hatte der Zentralrat der Muslime in Deutschland aufgerufen. Damit sollte der insgesamt 17 Terroropfer in Paris gedacht und islamfeindlichen Bestrebungen entgegengetreten werden. Am Montagabend hatte die anti-islamische Pegida-Bewegung in Dresden wieder 25 000 Menschen auf die Straße gebracht.

Gauck dankte allen Muslimen, die sich vom Terror im Namen des Islam distanzierten. «Das ist ein patriotisches "Ja" zu dem Land, in dem wir gemeinsam leben - zu unserem Land», sagte Gauck. Er kritisierte aber auch: «Die Distanz zwischen Einwanderern und Einheimischen, die Distanz auch zwischen Eingewanderten unterschiedlicher Herkunft wird noch zu selten überwunden.»

Alle im Bundestag vertretenen Parteien nahmen an der Kundgebung teil, die Bundesregierung mit Kanzlerin Angela Merkel an der Spitze, Bundestagspräsident Norbert Lammert, der französische Botschafter Philippe Etienne sowie Vertreter der jüdischen Gemeinde und der christlichen Kirchen. Auch der frühere Bundespräsident Christian Wulff war dabei, dessen Zitat von 2010 sich Merkel am Montag ausdrücklich zu eigen gemacht hatte: «Der Islam gehört zu Deutschland.»

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sagte in seiner Begrüßung: «Die Terroristen haben nicht gesiegt, und sie werden nicht siegen.» Für Einschüchterung und Gewalt gebe es keine Rechtfertigung. «Wir werden es nicht zulassen, dass unser Glaube missbraucht wird. Wir werden es nicht zulassen, dass unsere Gesellschaft von Extremisten, die nur das Ziel haben, Hass und Zwietracht zu stiften, auseinandergerissen wird.»

Die Mahnwache begann mit einer Kranzniederlegung vor der französischen Botschaft am Pariser Platz in Gedenken an die 17 Terroropfer. Zunächst wurden Verse aus dem Koran auf deutsch und arabisch vorgelesen. Nach den Erklärungen der Religionsvertreter folgte eine Schweigeminute für die Opfer von Paris. Die Anti-Terror-Kundgebung wurde von der Polizei mit verstärkten Sicherheitsmaßnahmen geschützt. Mehrere Teams von Scharfschützen sicherten den Platz vor dem Brandenburger Tor.

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, rief die Welt, vor allem aber die Muslime selbst auf, gegen islamistischen Terrorismus vorzugehen. Der katholische Berliner Weihbischof Matthias Heinrich betonte den Willen aller Religionen, sich bei allem Trennenden nicht gegeneinander aufbringen zu lassen. Der evangelische Bischof Markus Dröge rief dazu auf, den Dialog der Religionen fortzusetzen.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte es vor der Kundgebung ein wichtiges Zeichen, dass der Anstoß zu der Aktion von den Muslimen gekommen sei. Angesichts islamfeindlicher Demonstrationen verurteilte sie jede Ausgrenzung von Ausländern und Flüchtlingen. «Menschen, die aus Not, die aus Furcht um ihr Leben zu uns kommen, die Schutz suchen, haben ein Anrecht darauf, dass sie hier anständig behandelt werden», sagte sie. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) betonte: «Es ist ein starkes Zeichen, das tausende deutsche Muslime heute senden: Terror nicht in unseren Namen!»