Manipulationsvorwürfe gegen Volkswagen schocken Autobranche

Die schweren Manipulationsvorwürfe gegen Volkswagen in den USA verunsichern die deutsche Autoindustrie. Die US-Umweltbehörde EPA beschuldigt VW gegen das Klimaschutzgesetz «Clean Air Act» verstoßen zu haben.

Der Konzern soll mit Hilfe einer Software die Resultate von Abgasuntersuchungen geschönt haben. Der Autobauer wollte sich bisher nicht zu Details äußern, versprach aber eine umfassende Zusammenarbeit mit den US-Behörden. VW drohen schlimmstenfalls Strafzahlungen von mehr als 18 Milliarden Dollar und ein noch nicht abzuschätzender Imageschaden.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer fordert nun auch, die Praxis von Abgastests in Europa zu untersuchen. «Sicherlich müssen jetzt auch die EU-Kommission und das Bundesverkehrsministerium den Dingen nachgehen und klären, inwieweit diese Software auch in Europa und Deutschland eingesetzt wurde und falsche Abgaswerte vorgaukelt», sagte Dudenhöffer den Zeitungen der Funke Mediengruppe («Berliner Morgenpost», «Hamburger Abendblatt», «Westdeutsche Allgemeine»).

Daimler-Chef Dieter Zetsche sagte am Sonntag bei einer Veranstaltung der Wochenzeitung «Die Zeit», es sei zu früh, um die Sache zu bewerten. «Ich weiß viel zu wenig über den Fall, um zunächst mal beurteilen zu können, wie gerechtfertigt der Vorwurf Volkswagen gegenüber ist und ob wir zu hundert Prozent und in jeder Betrachtungsweise davor völlig sicher sein können», sagte Zetsche.

Die US-Umweltbehörde EPA wirft VW vor, die Ermittlungen von Abgaswerten bei Dieselfahrzeugen manipuliert zu haben. Betroffen sind bisher rund 482 000 Autos. Laut EPA soll das Programm ermöglichen, das Abgas-Kontrollsystem nur bei offiziellen Emissionstests zu aktivieren. Das würde bedeuten, dass die Luftverpestung im Normalbetrieb viel höher wäre. Bislang seien Fahrzeuge der Baujahre 2009 bis 2015 aufgefallen, darunter das für VW in den USA wichtigste Modell Jetta, aber auch der Golf, Beetle und der Passat und der Audi A3.

«Solche Mittel zu benutzen, um die Klimaschutzstandards zu umgehen, ist illegal und eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit», hatte EPA-Vertreterin Cynthia Giles gesagt. Ihre Behörde werde die Untersuchungen in diesem «sehr ernsten» Fall fortsetzen. Dabei sei nicht auszuschließen, dass weitere Verdachtsfälle ans Licht kämen.

Dudenhöffer sieht nun Volkswagen-Chef Martin Winterkorn in der Verantwortung. «Wir haben es hier mit einer Sache zu tun, die nicht beim Pförtner endet», sagte Dudenhöffer. Der Fall könne die gesamte deutsche Autoindustrie beschädigen.

Der Autofachmann Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaftin Bergisch Gladbach sagte, bei VW müsse es strukturelle Änderungen geben. «Da ist etwas fundamental schiefgegangen bei VW», sagte Bratzel der Deutschen Presse-Agentur. Es sei sehr verwunderlich, dass die mutmaßlichen Machenschaften der amerikanischen US-Tochter nicht längst an Wolfsburg gemeldet worden seien und das Durchgreifen der Konzernspitze nach sich gezogen hätte.

Wie andere Branchenkenner ist Bratzel entsetzt: «Das ist ein Bärendienst für die ganze deutsche Dieseltechnologie», sagt er. Hierdurch würde das Image von Dieselautos - in den USA ohnehin in einer Nische - schwer beschädigt. Auch BMW und Daimler seien dadurch indirekt betroffen. «Man versucht seit Jahren, die Dieseltechnologie zu etablieren in den USA - und jetzt das», sagte Bratzel.

Ein VW-Sprecher betonte, für den Konzern gehörten Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu den strategischen Unternehmenszielen. «Deshalb nimmt Volkswagen diese Vorwürfe sehr ernst und arbeitet eng und kooperativ mit der untersuchenden Behörde zusammen und veranlasst alles in seiner Macht stehende, um die Hintergründe für die erhobenen Vorwürfe gründlich aufzuklären.»

Dem Unternehmen drohen Strafzahlungen in Milliardenhöhe, auch wenn noch völlig offen ist, ob die maximal Summe tatsächlich gezahlt werden muss. «Das ist äußerst ernst zu nehmen», sagte Dudenhöffer der Deutschen Presse-Agentur. Den ohnehin schlecht laufenden Geschäften der Kernmarke VW dort werde der Vorgang kaum helfen. Doch auch in Europa könnte der Skandal Folgen haben. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) will angesichts der Manipulationsvorwürfe gegen VW ein Fahrverbot von Dieselautos in Deutschland erreichen.

Das Problem bestehe nicht nur in den USA, sondern in noch deutlich stärkerem Umfang in Europa vor allem bei den deutschen Herstellern, teilte die Organisation am Samstag in Berlin mit. Die DUH will nun vor deutschen Gerichten ein Fahrverbot für Diesel-Pkw erstreiten. Die Organisation wirft Autoherstellern seit längerem vor, die Abgasbelastung durch Dieselantriebe zu schönen. Hierzulande sind rund 13,8 Millionen Autos mit Dieselantrieb unterwegs, damit liegt der Anteil an der gesamten Pkw-Flotte in Deutschland bei rund 31 Prozent.