Manipulierte VW-Software trifft auch Autos in Europa

Die Abgas-Affäre bei Volkswagen nimmt weltweite Ausmaße an.

Nach dem Rücktritt von Konzernchef Martin Winterkorn und ersten Gesprächen der Untersuchungskommission des Bundesverkehrsministeriums mit den Wolfsburgern teilte Minister Alexander Dobrindt (CSU) mit, dass auch in Europa VW-Dieselmotoren manipulierte Abgaswerte aufweisen. Medienberichten zufolge rollt auf VW in den USA und Kanada eine Flut von Sammelklagen zu.

Volkswagen hatte bereits eingeräumt, dass es bei insgesamt rund 11 Millionen Fahrzeugen weltweit «Abweichungen» gebe. Eine genaue und vollständige Liste der betroffenen Modelle gibt es jedoch noch nicht. Die Konkurrenten BMW und Daimler bekräftigten, eine weiße Weste zu haben. «Grundsätzlich gilt: Bei der BMW Group wird nicht manipuliert», hieß es vom Münchner Hersteller. Auch ein Daimler-Sprecher betonte, es seien keinerlei Manipulationen an den Fahrzeugen des Konzerns vorgenommen worden.

Dobrindt sagte am Donnerstag in Berlin, es stehe bisher nicht fest, um wie viele Autos des VW-Konzerns es genau gehe. VW ringt nach dem Rücktritt von Winterkorn nun um Schadensbegrenzung und eine Neuausrichtung.

Betriebsratschef Bernd Osterloh fordert als Konsequenz aus dem Skandal eine grundlegende Überholung der Unternehmenskultur. «Wir brauchen für die Zukunft ein Klima, in dem Probleme nicht versteckt, sondern offen an Vorgesetzte kommuniziert werden. Wir brauchen eine Kultur, in der man mit seinem Vorgesetzten um den besten Weg streiten kann und darf», fordert er in einem Schreiben an die VW-Mitarbeiter, das der Deutschen Presse-Agentur vorlag. Als VW-Chef komme nur «eine Persönlichkeit mit großem technischen und unternehmerischen Sachverstand und gleichzeitig großer sozialer Kompetenz» infrage. Am Freitag will der Aufsichtsrat über einen Nachfolger beraten.

Der Skandal brachte eine ganze Industrie ins Zwielicht. Die Motoren wurden mit einer Software ausgestattet, die die Messung des Ausstoßes von Stickoxiden manipulierte. Klar ist, dass vier Reihen der Tochter Audi betroffen sind: Der Motor vom Typ EA 189 sei in Modellen des A1, A3, A4 und A6 verbaut worden, sagte ein Audi-Sprecher.

Die genauen Baujahre und die Anzahl der Fahrzeuge könnten aber noch nicht genannt werden. Ob die Autos von den Software-Manipulationen betroffen seien, könne man ebenfalls noch nicht sagen, hieß es bei Audi. Auch der VW-Konzern selbst bereitet unter Hochdruck eine Liste der in die Abgas-Affäre einbezogenen Dieselautos vor.

Medienberichten zufolge kommt auf VW in den USA und Kanada eine Welle von Sammelklagen zu. Rund 40 solcher Klagen sind dort nach Informationen des NDR und der «Süddeutschen Zeitung» inzwischen bei Gerichten eingereicht worden. Kläger sind demnach vor allem private Autokäufer, in einem Fall auch ein Autohändler. VW würden Betrug, Vertragsbruch und weitere Gesetzesverstöße vorgeworfen, hieß es. Das Unternehmen habe bisher «keine Kenntnis, wann, wo, wie welche Klage anhängig ist», sagte ein Unternehmenssprecher am Donnerstag.

In den USA droht Volkswagen eine Strafe von bis zu 18 Milliarden Dollar durch die US-Umweltbehörde EPA. Das Justizministerium in Washington soll wegen möglicher strafrechtlicher Vergehen ermitteln.

Auch in Deutschland nimmt die Justiz Volkswagen ins Visier. Bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig gingen Strafanzeigen ein, die Behörde startete Vorermittlungen. Auch Volkswagen selbst erstatte Anzeige. Wer von den Manipulationen wann im Konzern wusste, ist aber weiterhin unklar. Interne Untersuchungen laufen.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) rechnet in der VW-Abgas-Affäre mit «weiteren personellen Konsequenzen» in den nächsten Tagen. «Wir verlangen auch die Konsequenzen», sagte Lies, der Mitglied im VW-Aufsichtsrat ist, am Donnerstag im Bayerischen Rundfunk. «Es geht um die gesamte Struktur bei Volkswagen.»

Ökonomen fürchten zudem um den Ruf deutscher Exportprodukte. «Wir erleben, wie in der Finanzkrise, dass ein Vorfall systemische Krisenqualität erlangt hat», so der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, im «Handelsblatt».

Auch steht die Frage im Raum, ob andere Hersteller ebenfalls bei der Abgasmessung getrickst haben könnten. BMW, Daimler und Opel betonten, sich an alle gültigen Vorgaben gehalten zu haben. Die Grünen fordern von Dobrindt eine Überprüfung auch anderer Autobauer.