«Manon Lescaut» - Tiefschwarzes Nichts auf der Bühne

«Viva Puccini» - der begeisterte Ausruf eines Premierengastes in das Verhallen des Schlussakkordes hinein hat es auf den Punkt gebracht: Die Neuinszenierung von Giacomo Puccinis Oper «Manon Lescaut» an der Bayerischen Staatsoper lohnt vor allem der Musik wegen den Besuch.

«Manon Lescaut» - Tiefschwarzes Nichts auf der Bühne
Ursula Düren «Manon Lescaut» - Tiefschwarzes Nichts auf der Bühne

Das machte das erfolgsverwöhnte Münchner Opernpublikum am Samstagabend im Nationaltheater auch mehr als deutlich: Ovationen für die Sängerinnen und Sänger, allen voran Kristine Opolais als Manon und Jonas Kaufmann in der Rolle ihres Geliebten Des Grieux, Buhrufe für das Regieteam um Hans Neuenfels.

Dass Regisseure für ihre Deutungen von Opernstoffen ausgepfiffen werden, hat der Filmemacher und Theatermensch Neuenfels mehrfach erlebt. Sein Bayreuther «Lohengrin» mit den inzwischen legendären Laborratten auf der Bühne wurde im ersten Jahr gnadenlos niedergebuht, danach erlangte er Kultstatus. Dass seine Münchner Sicht des Dramas um das Luxusweib Manot und den ihr verfallenen mittellosen Studenten Des Grieux in der Opernwelt einen ähnlich bleibenden Eindruck hinterlassen wird, erscheint jedoch fraglich.

Daran ändert auch nichts, dass viele Premierenbesucher Neuenfels für die spektakuläre Absage der russischen Star-Sopranistin Anna Netrebko verantwortlich machten. Sie hatten sich so auf das Traumpaar Netrebko und Kaufmann gefreut. Doch die Sängerin gab die Titelpartie vor zwei Wochen überraschend ab, weil sie mit dem Regiekonzept von Neuenfels nicht klarkam.

Da starrt der Zuschauer erst einmal in ein tiefschwarzes Nichts - Bühnenbild Fehlanzeige. In dem Nichts tapsen Studentinnen und Studenten als Teletubbies ohne Antenne, dafür mit roter Perücke herum. Im zweiten Akt steckt Neuenfels die Gäste eines Festes im Hause des alten Geronte, wo Manon sich langweilt, in violette Bischofsgewänder. Die lüsternen Prälaten riechen an der Damenwäsche und liebäugeln mit dem üppig herumliegenden Schmuck.

Einzig das Bühnenbild im dritten Akt weckt Interesse mit einem stählernen Steg, der durch ein großes Loch auf das imaginäre Schiff im Hafen führt, das Manon in die Verbannung schickt. Im vierten Akt - er spielt in der Dürre Amerikas - ist die Bühne wieder nur ein nach vorne offener schwarzer Kubus, von grellem Neonlicht erhellt.

Vielleicht konnten sich die Stars des Abends gerade in dieser Leere besonders gut entfalten. Kristine Opolais gelingt die Zerrissenheit zwischen sinnlosem Luxus und leidenschaftlicher Liebe eindrucksvoll. Sie steigert sich im dritten und vierten Akt stimmlich gewaltig in ihre aussichtslose Lage, den Tod vor Augen. Wenn auch einer Netrebko in der Strahlkraft der Stimme nicht ebenbürtig, ist sie jedenfalls weit mehr als nur Einspringerin für den Weltstar.

Auch Jonas Kaufmann ist wieder in Bestform. Sein Tenor strahlt in der Höhe und hat gleichzeitig eine manchmal fast baritonale Färbung. Nur in der mezza voce lässt er mitunter den metallischen Glanz vermissen. Auch Markus Eiche als Manons Bruder Lescaut wusste zu überzeugen.

Am Ende des Abends gab es stürmischen Applaus und Bravi nicht nur für Opolais und Kaufmann, sondern auch für Alain Altinoglu. Er führte das Bayerische Staatsorchester am Pult im Orchestergraben sowie Solisten und Chor (Einstudierung: Sören Eckhoff) auf der Bühne sicher durch die Partitur.

Neuenfels und sein Team (Bühne: Stefan Mayer, Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer, Licht: Stefan Bollinger) schienen indessen schon zu ahnen, dass sie für ihre Regie Protest ernten würden. Fast schüchtern betraten sie die Bühne, ihre Mienen hellten sich auch nicht auf, als zeitweise der Beifall die Oberhand über die Buhrufe gewann. Und eine Armbewegung von Neuenfels wollte dem ratlos zurückgelassenen Publikum vielleicht sagen: Ihr habt mich nicht verstanden, ich kann es auch nicht ändern.