Mehr als 4400 Tote allein in Nepal

Die Zahl der Toten nach dem gewaltigen Erdbeben in der Himalaya-Region steigt immer weiter. Allein in Nepal starben nach Angaben des Innenministeriums 4485 Menschen.

Zudem gebe es mehr als 8000 Verletzte. Auf der Suche nach Wasser und Nahrung verließen Zehntausende Menschen das schwer getroffene Kathmandu-Tal. Die nepalesische Zeitung «Himalayan Times» gab ihre Zahl mit mehr als 72 000 an. Unter den Todesopfern ist auch ein Professor der Göttinger Georg-August-Universität, wie ein Sprecher der Hochschule mitteilte. Am Mount Everest konnten inzwischen fast alle Bergsteiger gerettet werden. Die Regierung ordnete drei Tage Staatstrauer an.

Das Erdbeben der Stärke 7,8 hatte am Samstag große Teile Nepals sowie die angrenzenden Länder Indien und das chinesische Tibet getroffen. Auf chinesischer Seite stieg die Zahl der Toten auf 25. Es wird befürchtet, dass dort noch mehr Menschen ums Leben gekommen sind. Viele Straßen sind noch blockiert und Telekommunikationsverbindungen unterbrochen, wie die amtlicher Nachrichtenagentur Xinhua meldete. In Indien starben mindestens 72 Menschen. Im Bebengebiet leben nach UN-Angaben etwa 6,6 Millionen Menschen. Allein in Nepal seien etwa fünf Millionen Menschen von den Folgen betroffen, teilte das Innenministerium mit.

Die Regierung räumte außerdem erstmals öffentlich ein, trotz zahlreicher Warnungen vor einem bevorstehenden großen Beben nicht ausreichend vorbereitet gewesen zu sein. «Wir haben nicht genügend Mittel, und wir brauchen mehr Zeit, um alle zu erreichen», erklärte Innenminister Bam Dev Gautam im staatlichen Fernsehen. Die Behörden hätten Schwierigkeiten, die Krise zu meistern. «Wir waren auf ein Desaster dieses Ausmaßes nicht vorbereitet.»

Selbst in der Hauptstadt Kathmandu beschwerten sich zahlreiche Menschen: «Wir leben hier auf der Straße, ohne Essen und Wasser, und wir haben in den vergangenen drei Tagen (seit dem Beben) keinen einzigen Beamten gesehen», sagte ein Mann, der mit seiner Familie im Freien campierte. Die meisten Menschen verbrachten eine weitere Nacht in Parks, öffentlichen Plätzen oder auf den Straßen. Zusätzlich werden die Einwohner von Nachbeben aufgeschreckt. Die Stromversorgung ist zusammengebrochen, so dass weder Wasserversorgung noch Telekommunikation gut funktionieren.

«In unserer Gegend gehen die Lebensmittel aus. Die Läden sind so gut wie nicht geöffnet. Und wenn sie doch aufmachen, gibt es einen Ansturm, und alles ist binnen Minuten weg», beklagte ein anderer Überlebender. Die Menschen kritisieren auch, ihnen mangele es an Gas zum Kochen. Der Regierung werfen sie vor, nicht genügend für sie zu tun. Aus einigen Stadtvierteln wurden zudem Einbrüche gemeldet. Vor Tankstellen bildeten sich lange Schlangen.

Der ums Leben gekommene deutsche Professor befand sich nach Angaben der Universität mit 15 Studenten und einem weiteren Wissenschaftler auf einer Exkursion nordwestlich von Kathmandu, als die Gruppe vom Erdbeben überrascht wurde. Einige der Studierenden wurden bei dem Unglück auf dem Weg vom Tsum Valley nach Arughat Bazar leicht verletzt. Derzeit befinde sich die Gruppe in Arughat Bazar in Sicherheit. Die genauen Umstände, unter denen der international renommierte 67-jährige Geografie-Professor ums Leben kam, waren zunächst unklar.

Nach den Erdbeben-Lawinen am Mount Everest konnten von dort inzwischen fast alle festsitzenden Bergsteiger ins Tal geflogen worden. Bislang seien 205 von ihnen am höchsten Berg der Welt gerettet worden, sagte ein örtlicher Polizeisprecher. Die Polizei sprach von 17 Menschen, die durch eine Lawine im Everest-Basislager gestorben seien. Ein Sprecher der Tourismusbehörde gab die Zahl mit mindestens 20 an. Das indische Militär, das bei der Rettungsaktion mithalf, sprach von 22 Toten. Zum Zeitpunkt des Unglücks hielten sich etwa 1000 Menschen im Basislager auf.

Am frühen Morgen starteten mehrere Flugzeuge von Kathmandu und machten somit Parkpositionen für ankommende Flieger frei. Der einzige internationale Flughafen Nepals war am Vortag wegen des Andrangs überlastet. Mehrere Maschinen mit Hilfsgütern und Helfern mussten umkehren. Viele Touristen konnten nicht ausfliegen. Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen schicken auch Teams über beschwerlichen Landweg in die betroffenen Gebiete - von Indiens Hauptstadt Neu Delhi dauert es drei bis fünf Tage.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef machte darauf aufmerksam, dass vom Beben auch eine Million Kinder betroffen sind. Sie litten besonders unter Naturkatastrophen, sagte Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland, der «Passauer Neuen Presse». «Etwa 40 Prozent aller Kinder in Nepal sind chronisch mangelernährt. Sie sind ohnehin geschwächt. Wenn sie nun einige Nächte bei Regen draußen in der Kälte verbringen müssen, können sie leicht gefährliche Atemwegserkrankungen bekommen», warnte Schneider. Auch Durchfallerkrankungen könnten zum Problem werden.