Mehr als 530 Tote in Ägypten

Nach den schwersten Ausschreitungen in Ägypten seit Beginn des Arabischen Frühlings droht dem Land die nächste Welle der Gewalt. Die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi riefen zu neuen Protesten auf - radikale Islamisten verkündeten einen «Freitag der Wut».

Mehr als 530 Menschen kamen seit Mittwoch bei landesweiten Kämpfen ums Leben, die sich an der gewaltsamen Räumung der zwei großen Protestlager der Mursi-Anhänger in Kairo entzündet hatten.

Mehrere westliche Staaten, darunter Deutschland, bestellten die ägyptischen Botschafter ein. Die EU-Außenminister wollen die Lage in dem Land voraussichtlich Anfang kommender Woche erörtern. Die USA sagten eine Militärübung mit den Streitkräften Ägyptens ab.

Angesichts der Geschehnisse könnten die Vereinigten Staaten ihre Beziehung zu dem Land derzeit nicht wie gewohnt weiterführen, sagte US-Präsident Barack Obama. Der Nationale Sicherheitsrat prüfe, ob weitere Konsequenzen notwendig seien.

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes teilte mit, dem ägyptischen Botschafter sei «in aller Deutlichkeit die Haltung der Bundesregierung dargelegt» worden. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte, das Blutvergießen müsse ein Ende haben.

Die ägyptische Regierung gab die Zahl der Toten von Mittwoch mit 525 an. Weitere 3717 Menschen seien verletzt worden. Neue Opferzahlen waren zuvor praktisch stündlich veröffentlicht worden. Allein bei der Räumung der Protestlager in Kairo kamen nach Regierungsangaben 289 Menschen ums Leben. Das Fernsehen berichtete, 84 Islamisten seien dem Militärstaatsanwalt übergeben worden.

Trotz der zahlreichen Opfer ging die Gewalt auch am Donnerstag weiter: Im Norden der Sinai-Halbinsel töteten mutmaßliche Extremisten fünf ägyptische Soldaten in Al-Arisch. In der Stadt starb zudem ein Polizist, als Extremisten das Feuer auf den Offiziersclub der Polizei eröffneten. Im Kairoer Stadtteil Giza stürmten mehrere Hundert Islamisten das Gebäude der Provinzverwaltung. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen brach ein Feuer aus. In der Hauptstadt sperrten ferner etwa 3000 Islamisten die Straße vor der Al-Iman-Moschee, in der Dutzende Opfer der Gewaltexzesse vom Mittwoch aufgebahrt waren.

Das Innenministerium wies die Polizei an, ab sofort mit scharfer Munition auf Plünderer und Saboteure zu schießen. In einer Erklärung hieß es, der Anlass dafür seien «Terrorattacken der Organisation der Muslimbrüder auf verschiedene Einrichtungen von Regierung und Polizei in mehreren Provinzen». Damit solle verhindert werden, dass öffentliche Gebäude in Brand gesetzt und Waffen aus Polizeistationen gestohlen werden. Die Regierung hatte bereits zuvor trotz massiver internationaler Kritik das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte verteidigt. In mehreren Landesteilen gilt der Notstand.

Die Islamisten wollen die Proteste gegen Mursis Absetzung auch nach den Freitagsgebeten fortsetzen. Das Nachrichtenportal youm7 berichtete, Sicherheitskräfte befürchteten eine neue Welle der Gewalt. Mursi war am 3. Juli durch das Militär gestürzt worden und befindet sich an einem geheimen Ort. Seine Untersuchungshaft wurde am Donnerstag um 30 Tage verlängert.

Das Auswärtige Amt aktualisierte seine Reisewarnung für das Land und riet zu erhöhter Vorsicht. Die Ferienorte an der Küste des Roten Meeres blieben von Gewalt zwar bislang verschont. Im Badeort Hurghada starb allerdings ein Anhänger der Muslimbruderschaft bei Zusammenstößen. Dem Reisekonzern Tui zufolge müssen Urlauber bisher zwar kaum mit Einschränkungen rechnen, dennoch sinkt die Nachfrage nach Reisen in das Land nach Branchenangaben spürbar.

Die Angriffe der Extremisten richteten sich nicht allein gegen öffentliche Gebäude und Polizeiwachen. Auch christliche Kirchen wurden Ziel der Attacken. Aus Sicherheitskreisen hieß es, in Abanub in der Provinz Assiut sei eine koptische Kirche niedergebrannt worden. Nach Angaben der christlichen Zeitung «Watani» attackierten die Islamisten insgesamt 35 Kirchen oder andere Einrichtungen der Kopten.

Die Muslimbrüder übernahmen dafür nicht die Verantwortung. Ihr Sprecher Gehad al-Haddad teilte via Twitter mit: «Wir werden immer gewaltfrei und friedlich sein. Wir werden so lange Druck machen, bis wir diesen Militärputsch zu Fall bringen.»