Melbourne-Siegerin Kerber: 2011 war fast schon Schluss

Fast hätte es die neue deutsche Tennis-Queen gar nicht gegeben. Als Angelique Kerber 2011 reihenweise in der ersten Runde rausflog, war die Kielerin drauf und dran, ihren Schläger nie wieder in die Hand zu nehmen.

Melbourne-Siegerin Kerber: 2011 war fast schon Schluss
Lynn Bo Bo Melbourne-Siegerin Kerber: 2011 war fast schon Schluss

«Damals hatte ich keinen Spaß mehr und habe mich ernsthaft gefragt, warum ich mir das alles überhaupt noch antue», sagte Kerber. Keine fünf Jahre später steht Kerber als frisch gekürte Siegerin eines Grand-Slam-Turniers im Zenit ihrer Karriere und in den Fußstapfen ihres großen Idols Steffi Graf. «Es ist der Wahnsinn, was in diesen zwei Wochen alles passiert ist», sagte Kerber nach ihrem überraschenden Triumph bei den Australian Open im Finale gegen die Weltranglisten-Erste Serena Williams aus den USA.

Als einzige deutsche Spielerin neben Graf seit Einführung des Profitennis darf sie sich nun Grand-Slam-Champion nennen. Der Lohn harter Arbeit. Vor allem in der Vorbereitung auf diese Saison hat die gebürtige Bremerin, die ihren Wohnort inzwischen ins polnische Puszczykowo - der Heimat ihrer Großeltern - verlegt hat, noch einmal eine Schippe drauf gelegt.

Kerber präsentierte sich in Melbourne so fit wie noch nie. Und das, obwohl ihr Ausdauer-Level schon zuvor sehr hoch war. Dennoch speckte die 28-Jährige noch einmal ein paar Kilo ab, arbeitete zudem an ihrer Schnelligkeit und Explosivität auf dem Platz. «Es gibt wenige Spielerinnen, die auf dem Court so gut unterwegs sind wie Angie», lobte Williams ihre Finalgegnerin.

Den größten Entwicklungssprung machte Kerber aber auf mentaler Ebene. Lange galt sie als eine, die in den entscheidenden Momenten ihre Nerven nicht im Griff hat. Noch bei den WTA-Finals in Singapur im Herbst des vergangenen Jahres scheiterte sie in ihrem letzten Gruppenspiel gegen die Tschechin Lucie Safarova daran, einen Satz zu gewinnen, der zum Einzug ins Halbfinale gereicht hätte. «Danach habe ich mir geschworen, dass ich den Druck nie mehr so über mich siegen lasse», sagte Kerber.

Zusammen mit ihrem Trainer Torben Beltz, Förderer und Vertrauter zugleich, formulierte sie vor der Saison ungewohnt forsche Ziele. Sie wolle es bei den großen Turnieren krachen lassen, sagte sie, nachdem sie 2015 bei keinem der vier Grand-Slam-Events das Achtelfinale erreicht hatte.

Schön gesagt, dachten viele. Doch Kerber ließ den Worten schon beim ersten Major Taten folgen. Darüber hinaus machte sie auch abseits des Platzes eine beachtliche Wandlung durch. Zählten ihre Presserunden bis vor kurzem noch zu den langweiligsten auf der Tour, war ihre Siegerpressekonferenz am Samstag die erfrischendste und lustigste der gesamten zwei Turnierwochen. «Ich denke, die Zeit ist einfach reif», sagte Kerber nach dem Coup immer wieder. Jetzt will sie die Rolle als neue Frontfrau des deutschen Damen-Tennis in vollen Zügen genießen. Das Zeug zum Superstar hat die neue Nummer zwei der Welt inzwischen.