Merkel in früherem KZ: Nie mehr wegsehen

Historischer Tag in Dachau: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat am Dienstag das ehemalige Konzentrationslager in Bayern besucht. Das hat noch keiner ihrer Vorgänger im Amt getan.

«Für mich ist es ein sehr besonderer Moment», sagte Merkel, die bei ihrem Besuch mit Holocaust-Überlebenden zusammentraf. «Die Erinnerung an diese Schicksale erfüllt mich mit tiefer Trauer und Scham.» Die Erinnerung müsse von Generation zu Generation weitergegeben werden. «Junge Menschen müssen wissen, welches Leid von Deutschland ausgegangen ist», sagte Merkel. Gemeinsam mit dem Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer legte sie einen Kranz nieder.

Ihr Besuch hatte zuvor auch für Diskussionen gesorgt, weil er in einem kurzen Zeitfenster zwischen zwei Wahlkampfauftritten in Erlangen bei Nürnberg und der Stadt Dachau stattfand. Dort trat Merkel im Anschluss in einem Bierzelt auf und wiederholte ihre Mahnung unter Hinweis auf die nahe KZ-Gedenkstätte: «Nie wieder darf passieren, dass Menschen unter uns schutzlos sind, nur weil sie aus einem bestimmten Land kommen, einer bestimmten Religion angehören, einer politischen Gesinnung, einer sexuellen Orientierung. Nie wieder dürfen sie deshalb benachteiligt und ermordet werden, mitten unter uns», sagte die Kanzlerin.

Die Bundestagsfraktionschefin der Grünen, Renate Künast, hatte zuvor der «Leipziger Volkszeitung» (Dienstag) gesagt: «Wer es ernst mit dem Gedenken an einem solchen Ort des Grauens meint, der macht einen solchen Besuch garantiert nicht im Wahlkampf.» Künast nannte es eine «geschmacklose und unmögliche Kombination», direkt nach einem KZ-Besuch eine Wahlkampfrede im CSU-Bierzelt zu halten. Der Historiker Wolfgang Benz kritisierte im Bayerischen Rundfunk, es
wirke beiläufig, «wenn man, kurz bevor man dann ins Festzelt zum
Wahlkampf geht, noch den Kranz niederlegt und Betroffenheit äußert».

Der Zentralrat der Juden in Deutschland verteidigte die
Regierungschefin hingegen: «Mit Frau Merkel besucht immerhin erstmals
ein deutscher Kanzler die KZ-Gedenkstätte in Dachau», sagte der
Zentralratsvorsitzende Dieter Graumann zu «Spiegel Online». Er werde
auf jeden Fall der letzte Mensch im Land sein, der einen Besuch der
Kanzlerin in Dachau kritisiere. Der 85 Jahre alte Holocaust-Überlebende Abba Naor sagte: «Die Hauptsache ist, sie war da. Was sie danach macht, ist egal.»

Das KZ Dachau diente den Nationalsozialisten als Modell für alle
späteren Konzentrationslager. In den zwölf Jahren seines Bestehens
wurden dort und in zahlreichen Außenlagern mehr als 200 000 Menschen
aus ganz Europa gefangen gehalten. Mehr als 43 000 Häftlinge wurden
ermordet.