Merkels Ortstermin: Überlastete Helfer, hoffende Flüchtlinge

Rodin Saouan fühlt sich jetzt wie ein Held. Er ist über viele Meter direkt neben dieser weltbekannten Frau gegangen, begleitet von Kameras und Mikrofonen.

Merkels Ortstermin: Überlastete Helfer, hoffende Flüchtlinge
Bernd Von Jutrczenka Merkels Ortstermin: Überlastete Helfer, hoffende Flüchtlinge

Kurz bevor die Bundeskanzlerin am Donnerstag in die Erstaufnahmeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt in Berlin-Spandau geht, darf er mit seinem Smartphone noch ein Selfie machen. Er, Rodin Saouan, erst vor kurzem aus Syrien gekommen, neben Angela Merkel. Das Foto kann er nun an Familienmitglieder schicken. Der beste Beweis, dass er es bis Deutschland geschafft hat.

Die Kanzlerin schaut sich zuerst die Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) an, ein paar Hundert Meter von der AWO entfernt. Sie will einen Hintereingang nehmen, aber einige Flüchtlinge erkennen sie von weitem und rufen nach ihr. Als sie sich ein Stück auf sie zubewegt, klatschen sie.

Vor dem BAMF-Gebäude warten seit 7 Uhr Hunderte Menschen. Immer wieder kommen Mitarbeiter auf die Außentreppe und rufen Namen in die Menge. Hassan Khalil, Indina Muratovic, Ousama Reza. Hier bekommen sie einen Termin für die Anhörung zu ihrem Asylverfahren. Aber für das Gespräch selbst müssen sie erneut kommen.

Ein Beispiel dafür, wie überlastet auch diese Außenstelle ist: Mahmud Karoum, gebürtiger Syrer, seit 20 Jahren in Deutschland, sagt, er habe schon lange die deutsche Staatsbürgerschaft, und spricht von «meinem Land». Jetzt hilft er der Familie seiner Cousine aus Syrien. Vier Stunden hat er mit einem jungen Mann angestanden. Nun hat er einen Termin für die Anhörung: am 20. Oktober, in sechs Wochen.

Julia Grewe, verbringt ihre Elternzeit zum Großteil vor der BAMF- Außenstelle. Freiwillig, auf eigene Kosten, unermüdlich. Die Kleider- und Essensspenden von Bürgern organisiert und verteilt sie hier. Grewe darf kurz zu dem Besuch von Merkel dazukommen - keck sagt sie: «Wenn Mutti ruft, dann kommt das Volk.» Danach berichtet sie: «Das war kurz und knapp. Wir haben ihr gesagt, dass die freiwillige Arbeit in professionelle Hände muss. Wir können das hier nicht ewig machen.»

Grewe hat einen Fußball mitgebracht. Junge Männer fangen sofort an, damit zu spielen. «Germany ist very good», sagt einer und hält den Daumen hoch. Das findet auch Indina Muratovic. «Deutschland ist ein gutes Land. Ich wünsche mir so sehr, dass meine Kinder hier weiter zur Schule gehen und eine Zukunft haben.» Indina ist Roma, kommt aus Bosnien und spricht fließend Deutsch. Sie fürchtet, dass sie schlechtere Chancen hat als Syrer. Und betont: «Wir sind nicht gegen die Syrer.» Aber die Konkurrenz unter den Flüchtlingen ist spürbar.

Im BMAF-Gebäude wird der Kanzlerin erzählt, was sie vom Papier her weiß. Es gibt zu wenig Sachbearbeiter. Später wird auch der AWO- Kreisvorsitzende Manfred Nowak sagen: «Das BAMF ist personell zu schlecht ausgestattet.» Und Regierungsbeamte sehen an diesem Tag, was bald noch erschwerend hinzukommt: Hunderte Wartende bei 20 Grad Sonnenschein sind schon eine Herausforderung - was ist erst im Winter?

Merkel tritt vor der Erstaufnahmeeinrichtung vor die Mikrofone. Bis dahin haben junge fremdländische Männer immer wieder versucht, ein Selfie mit ihr zu machen. Sie macht geduldig mit. Einige wollen aber unbedingt den Arm um sie legen. Da schreiten Merkels Begleiter ein.

Während Merkel spricht, donnert ein Flugzeug über die Anlage hinweg. Sie wartet den Lärm ab und dankt dann hörbar den Behörden und Helfern für ihren anstrengenden Einsatz «unter ganz besonderen, schwierigen Bedingungen». Sie richtet ihre Hoffnung auf die Kleinsten: Im Alltag werde die Integration «sicher zum Teil über die Kinder stattfinden, die in den Kindergärten schnell Deutsch lernen».

Am Mittag besucht Merkel noch die Ferdinand-Freiligrath-Schule im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Dort trifft sie Schüler einer sogenannten Willkommensklasse. Solche Klassen sind für Flüchtlingskinder gedacht, die noch kein Deutsch sprechen. In Berlin gibt es derzeit 430 Willkommensklassen mit fast 5000 Schülern. Nach etwa eineinhalb Jahren sollen sie in normale Klassen wechseln.

Merkel spricht mit zwölf Schülern verschiedenen Alters aus verschiedenen Ländern. Die Kanzlerin ist angetan: «Es lohnt sich, sich um jedes einzelne Kind zu mühen. Es gibt so viel Enthusiasmus bei den Kindern, so viel Bereitschaft zu lernen. Wir wollen ihnen eine gute Zukunft geben.»

Schulleiterin Anke Schmidt berichtet: «Die Kinder haben Deutsch mit Frau Merkel gesprochen und ihr viele Fragen gestellt.» Das habe gut geklappt, obwohl einige erst seit zwei Wochen in der Willkommensklasse seien. Sie wollten wissen, wo Merkel selbst zur Schule ging, welche Sprachen sie spricht und warum sie Bundeskanzlerin geworden sei. Schmidt sagt, es gebe zwar genügend Lehrer für die Willkommensklassen, aber zu wenig Psychologen und Schulsozialarbeiter. Viele Flüchtlingskinder seien traumatisiert.

Mahmud Karoum, der gebürtige Syrer mit deutscher Staatsbürgerschaft, sagt: «Nie war Deutschland zu Ausländern so freundlich wie jetzt. Jetzt hat Deutschland die Welt erobert.» Aber dann gibt es noch das Gegenteil von all dem. Hassan Khalil, Syrer. 2001 kam er nach Deutschland. Er spricht gut Deutsch, aber sein Status sei nie über die Duldung hinausgekommen, sagt er. Er habe keine Arbeit und habe seine Familie Jahre nicht gesehen.

Jetzt will er zurück. Die ehrenamtliche Helferin Ulrike Weiß vom Verein «Offene Tür» versucht ihm das auszureden. Gerade jetzt seien seine Chancen auf Anerkennung so wie nie. Aber er sagt: «Ich kann nicht mehr.»