MH17: Tonnenweise Beweise - aber noch immer kein Haftbefehl

Langsam schließt sich die Schlinge um die Verantwortlichen für den Abschuss der Passagiermaschine mit der Flugnummer MH17. Die internationalen Ermittler legten am Mittwoch in Nieuwegein bei Utrecht zahlreiche Beweise vor.

Doch einen Haftbefehl gibt es noch lange nicht. Gut zwei Jahre nach der Katastrophe mit 298 Toten in der Ost-Ukraine werden die Grenzen der Ermittler deutlich.

«Es sind überzeugende und unwiderlegbare Beweise», sagte der Chef der niederländischen Kriminalpolizei, Wilbert Paulissen, am Mittwoch. Die Ermittler kennen die Tatwaffe: Eine russische Buk-Luftabwehrrakete. Sie wissen, woher sie kommt: Russland. Sie können bis auf den Quadratmeter genau die Stelle anweisen, von der aus am 17. Juli 2014 die Rakete abgefeuert worden war: ein Feld bei Perwomajske im Gebiet der pro-russischen Rebellen. Und sie wissen, dass das mobile Raketensystem danach wieder nach Russland zurück transportiert worden war.

Die Rakete explodierte in gut zehn Kilometer Höhe, ganz in der Nähe der Boeing der Malaysia Airlines. Tausende kleine Metallteile durchbohrten sich von außen in die Maschine. Dann stürzte sie ab. 298 Menschen starben.

Seit über zwei Jahren fordern die Angehörigen eine Antwort auf die Frage: Wer ist dafür verantwortlich? «Wir sind einen Schritt näher an der Wahrheit», sagte Robby Oehlers. Seine 20-jährige Cousine und deren 23-jähriger Freund Bryce waren getötet worden.

Etwa 100 Personen haben die Ermittler im Visier, die am Transport des Buk-Systems beziehungsweise am Abschuss beteiligt gewesen sein sollen. Namen nennen sie nicht, auch nicht ihre Nationalität. Noch gibt es nach Angaben der Ermittler keine offiziellen Verdächtigen.

Fünf Länder beteiligen sich an der strafrechtlichen Untersuchung. Da die meisten der Opfer aus den Niederlanden kamen, hat das Land auch die Leitung übernommen. Täglich arbeiten 100 bis 200 Kriminalbeamte an diesem Fall, seit über zwei Jahren.

Sie untersuchten bisher fünf Milliarden Internetseiten, 500 000 Fotos, 150 000 abgehörte Telefongespräche, vernahmen 200 Zeugen. Es gibt viele Daten und Beweise: Satellitenaufnahmen, Informationen verschiedener Geheimdienste, Fotos und Videos.

Bei einer normalen Ermittlung wäre bei dieser Beweislage wohl längst ein Haftbefehl ausgestellt worden. Doch der Fall MH17 ist nicht normal.

Seit Juli 2014 wütet um die Katastrophe ein Propagandakrieg. Russland und die Ukraine beschuldigen sich gegenseitig. Vor allem Moskau bringt immer wieder angeblich neue Beweise für die Schuld der Ukraine ins Spiel. «Die beweisen aber gar nichts», sagte der Chefermittler Paulissen.

Die strafrechtlichen Ermittler bewegen sich in einem politischen Minenfeld und müssen eine lückenlose Beweiskette vorlegen - auch um politischen Vorwürfe den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sie müssen zweifelsfrei die Schuldfrage beweisen: Wer hat auf den Knopf gedrückt? War auf den Radarbildern deutlich zu sehen, dass Flug MH17 eine zivile Maschine war? Wer konnte überhaupt das komplizierte Waffensystem bedienen?

Nicht zuletzt fordern die Angehörigen der 298 Opfer Antworten. Vor allem auch auf das Warum. War es Absicht oder ein verhängnisvoller Irrtum? Und dann ist schließlich die Frage nach der Gerechtigkeit. Werden die Täter jemals vor ein Gericht gestellt werden? Robby Oehlers ist davon überzeugt, dass es irgendwann einmal soweit ist. «Vielleicht dauert es ein paar Jahre», sagte der junge Mann vor dem Kongresszentrum, in dem er und andere Angehörige von den Ermittlern informiert worden waren.

Zur Zeit ist es aber undenkbar, dass Moskau mitarbeiten und mögliche Verdächtige ausliefern würde. Im vergangenen Jahr scheiterte schon der Antrag, ein internationales MH17-Tribunal einzurichten, im UN-Sicherheitsrat am Veto Russlands. Seither haben sich die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland nur noch verschlechtert.