Mit einem Staatsakt nimmt Deutschland Abschied von Genscher

Mit einem feierlichen Staatsakt in Bonn hat die Bundesrepublik Deutschland am Sonntag Abschied von ihrem langjährigen Außenminister Hans-Dietrich Genscher genommen.

Mit einem Staatsakt nimmt Deutschland Abschied von Genscher
Guido Bergmann Mit einem Staatsakt nimmt Deutschland Abschied von Genscher

Der verstorbene Politiker sei ein «Titan unter den Diplomaten Europas» gewesen, sagte der ehemalige US-Außenminister James Baker in seiner Rede. Mehrfach klang an, dass sich Genscher in den letzten Wochen seines Lebens große Sorgen sowohl um die Einheit Europas wie auch um die Beziehungen zu Russland gemacht hatte.

Der ehemalige Außenminister Klaus Kinkel würdigte seinen Vorgänger und FDP-Parteifreund als einen «Akteur der Weltpolitik» und gleichzeitig als «Menschenfreund» und «Brückenbauer». «Er war ein Meister des Gesprächs», sagte Kinkel. «Er prägte den Wandel vom Rüsten zum Reden.» Die deutsche Einheit sei Krönung seiner politischen Arbeit gewesen: «Die Wiedervereinigung war ganz stark das Werk Helmut Kohls und Hans-Dietrich Genschers.»

Kinkel betonte, das Vermächtnis Genschers seien das geeinte Europa, das transatlantische Bündnis mit den USA, aber auch gute Beziehungen zu Russland. «Als er bei öffentlichen Auftritten zum Schluss schon im Rollstuhl saß, hielt er noch flammende Vorträge zu seinem Europa, verbunden mit dem Wunsch des Neubeginns der Beziehungen zu Russland. Immer wieder wies er darauf hin, es müsse in diesem Kontext ein Szenario geschaffen werden, bei dem niemand als Verlierer dastehe.»

Zuvor hatte Bundespräsident Joachim Gauck Genscher als einen «deutschen Patrioten und überzeugten Europäer» hervorgehoben. In seiner «glücklichsten Stunde als Politiker» habe er den DDR-Flüchtlingen in der Prager Botschaft der Bundesrepublik ihre Ausreise angekündigt. Doch ebenso leidenschaftlich wie für die deutsche Einheit habe sich Genscher für das geeinte Europa eingesetzt.

Ex-Außenminister Baker erinnerte sich, Genscher sei nach der Wiedervereinigung in seiner Geburtsstadt Halle wie auch in anderen Städten der ehemaligen DDR «wie ein Rockstar gefeiert» worden. Der evangelische Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer bezeichnete Genscher als den «fröhlichste(n) Hallenser aller Zeiten». Zahllose Politiker seien von ihm nach Halle «geschleppt» worden, so dass die Stadt in Sachsen-Anhalt «weltberühmt» geworden sei. Die Bodenhaftung habe Genscher trotz aller Höhenflüge nie verloren.

Genscher war am 31. März im Alter von 89 Jahren gestorben. Aufgrund seiner besonderen Verdienste hatte der Bundespräsident einen Staatsakt angeordnet, ein Zeremoniell, das Ministern nur selten zuteil wird.