Mord: Späte Strafe für deutschen «Rockefeller»

Der Bayer Christian Karl Gerhartsreiter, der sich über Jahre hinweg mit klangvollen Namen wie «Rockefeller» und «Chichester» schmückte, saß in blauer Häftlingskluft im Gericht, als das Strafmaß verlesen wurde.

Mindestens 27 Jahre bis lebenslang wird der 52-Jährige für einen fast drei Jahrzehnte alten Mord hinter Gitter verbringen. Diese Haftstrafe verkündete Richter George Lomeli am Donnerstag im Gericht von Los Angeles.

Der Brillenträger mit schütterem Haar, der sich früher gerne als Filmemacher, Börsenmakler und Sprössling reicher Familien ausgab, versuchte im Gericht noch einmal groß aufzutreten. «Ich habe das Verbrechen nicht begangen», sagte Gerhartsreiter nach Angaben der «Los Angeles Times». Er glaube fest daran, dass die Ehefrau des Opfers den Mord begangen habe. Das wolle er in einem neuen Prozess beweisen.

Der Insasse Nr. 2800458 im Männergefängnis von Los Angeles stand als sein eigener Anwalt vor dem Richter. Sein Verteidigerteam hatte er vor wenigen Wochen gefeuert. Gerhartstreiter brachte einen dicken Stapel Unterlagen mit ins Gericht. Er wollte eine längere Erklärung vorlesen, doch dazu kam es nicht. Der Richter sprach ein Machtwort und verhängte das Strafmaß.

Ein Geschworenengericht hatte Gerhartsreiter im April schuldig befunden, vor 28 Jahren den Sohn seiner Vermieterin getötet zu haben. Der Deutsche lebte in den 1980er Jahren unter dem Namen Christopher
Chichester in Kalifornien. Später gab er sich auch als «Clark Rockefeller» aus und nahm weitere falsche Namen und Identitäten an.

Das damals 27 Jahre alte Mordopfer John Sohus und dessen Frau Linda waren 1985 spurlos verschwunden. Gerhartsreiter lebte damals in einem Gästehaus auf dem Grundstück der Sohus-Familie in Kalifornien. Die Leiche des Mannes wurde neun Jahre später bei Bauarbeiten im Garten seines Elternhauses gefunden, sie konnte erst 2008 mit neuen DNA-Methoden identifiziert werden. Von der Frau fehlt bis heute jede Spur.

Nach dem Verschwinden des Paares siedelte der Deutsche an die US-Ostküste um, wo er unter verschiedenen Namen lebte, darunter als «Clark Rockefeller». Auch seine damalige Frau Sandy Boss, eine reiche Unternehmensberaterin, hielt er mit schillernden Geschichten zum Narren. All das kam 2008 nach einem Sorgerechtsstreit ans Licht, als er in Boston seine damals siebenjährige Tochter entführte. Er wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, dann folgte die Mordanklage in
Kalifornien.

Es gab keine Tatwaffe, keine Augenzeugen und keine Blutspuren, die den Deutschen mit dem Mord direkt in Verbindung brachten. Und doch waren sich die Geschworenen nach einem mehrwöchigen Mordprozess im Frühjahr schnell einig. Es kamen Dutzende Zeugen zu Wort, die Gerhartsreiter als notorischen Lügner und Hochstapler beschrieben. Ein «Meister» im Manipulieren, der sich über Jahrzehnte hinter verschiedenen Identitäten versteckte und Zugang zu reichen Kreisen suchte.

Mit einer stumpfen Waffe und einem scharfen Objekt
tötete er laut Anklage das Opfer kaltblütig. Die zerstückelte Leiche, in Plastiktüten verpackt, lag im Garten der Sohus-Familie vergraben. Nach dem hollywoodreifen Justizdrama mit Schuldspruch und Haftstrafe - nach 27 Jahren Mindesthaftzeit wird ein Berufungsausschuss die weitere Haftlänge prüfen - dürfte der deutsche Hochstapler und Mörder nun für viele Jahre aus dem Rampenlicht verschwinden.