Muslimbrüder wollen morgen wieder demonstrieren

Nach dem blutigen Mittwoch mit mehr als 520 Toten rüsten sich die Sicherheitskräfte in Ägypten gegen neue Massenproteste der Muslimbruderschaft. Die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi riefen zu Demonstrationen am Freitag auf.

Muslimbrüder wollen morgen wieder demonstrieren
Mosaab Elshamy Muslimbrüder wollen morgen wieder demonstrieren

Europa und die USA appellierten, weiteres Blutvergießen zu verhindern. In mehreren westlichen Staaten, darunter Deutschland, bestellten die Außenminister die ägyptischen Botschafter zu sich. Es müsse alles getan werden, um einen Bürgerkrieg zu verhindern, forderte Frankreichs Präsident François Hollande.

Die Islamisten wollen die Proteste gegen die Absetzung Mursis durch das Militär nach den Freitagsgebeten fortsetzen. Das ägyptische Nachrichtenportal youm7 berichtete, Sicherheitskräfte befürchteten eine neue Welle der Gewalt. Nach der gewaltsamen Räumung von zwei großen Protestlagern der Mursi-Anhänger in Kairo war es am Mittwoch in Ägypten zu den blutigen Unruhen gekommen. Mursi war am 3. Juli durch das Militär gestürzt worden und befindet sich an einem geheimen Ort in Untersuchungshaft.

Die ägyptischen Ferienorte an der Küste des Roten Meeres blieben von Gewalt zwar bislang verschont. Im Badeort Hurghada gab es allerdings in der Nacht zum Donnerstag einen Todesfall. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen starb ein Anhänger der Muslimbruderschaft bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei.

Die ägyptische Regierung gab die Zahl der Toten am frühen Nachmittag mit 522 an. Zuvor waren praktisch stündlich neue Opferzahlen veröffentlicht worden. Die Führung in Kairo verteidigte trotz massiver internationaler Kritik das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte bei der Räumung.

Das Nachrichtenportal Ahram Online berichtete unter Berufung auf das Gesundheitsministerium, mehr als 3500 Menschen seien verletzt worden. Allein bei der Räumung der zwei Protestcamps in Kairo kamen nach Regierungsangaben 289 Menschen ums Leben. Das staatliche Fernsehen meldete, 84 Islamisten seien dem Militärstaatsanwalt übergeben worden.

Die Angriffe von Extremisten auf Polizeiwachen und christliche Kirchen gingen am Donnerstag weiter. Aus Sicherheitskreisen hieß es, in Abanub in der Provinz Assiut sei am Morgen eine koptische Kirche niedergebrannt worden. Der Feuerwehr sei es nicht gelungen, das Gotteshaus zu retten.

Nach Angaben des Blattes «Watani» attackierten die Islamisten im Verlauf der Unruhen 35 Kirchen oder andere Einrichtungen der Kopten. Die Muslimbrüder übernahmen nicht die Verantwortung für die Attacken gegen Kirchen und Polizeistationen durch Sympathisanten. Ihr Sprecher Gehad al-Haddad erklärte über den Kurznachrichtendienst Twitter: «Wir werden immer gewaltfrei und friedlich sein. Wir werden so lange Druck machen, bis wir diesen Militärputsch zu Fall bringen.»

Die Straßen von Kairo waren am Donnerstag nach dem Ende der Ausgangssperre etwas leerer als sonst. Etliche Menschen blieben aus Furcht vor Gewalt im Haus. Die Führung hatte am Mittwoch den Notstand ausgerufen und über Kairo und andere Landesteile eine nächtliche Ausgangssperre verhängt.

Nach Angaben staatlicher Medien war nach Mitternacht in den meisten Landesteilen langsam Ruhe eingekehrt. Das Fernsehen berichtete allerdings von zwei Polizisten, die vor einer Polizeiwache in Al-Arisch auf dem Sinai getötet worden seien. In Alexandria blockierten Mursi-Anhänger mehrere Straßen und zündeten Straßenbahnwaggons an, wie es hieß.

US-Außenminister John Kerry mahnte in Washington: «Dies ist ein entscheidender Moment für alle Ägypter.» In den «kommenden Stunden, in den kommenden Tagen» werde sich das Schicksal des Landes entscheiden. Eine demokratische Lösung sei immer noch möglich.

Die USA und die Europäische Union verurteilten die Gewalt scharf. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan forderte eine Sitzung des Weltsicherheitsrates.

Übergangs-Ministerpräsident Hasem al-Beblawi sagte am Abend im Staatsfernsehen, es habe keine Alternative zu der Räumung der Lager gegeben. Der Staat sei zum Handeln gezwungen gewesen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Die Islamisten hatten die Zeltlager in Kairo vor sechs Wochen errichtet.