Muslime und Wirtschaft: Potenzial von Zuwanderern besser erschließen

Vor dem sogenannten Integrationsgipfel im Kanzleramt haben die Wirtschaft und der Zentralrat der Muslime die Politik aufgerufen, das Potenzial von Zuwanderern besser zu erschließen.

Muslime und Wirtschaft: Potenzial von Zuwanderern besser erschließen
Rainer Jensen Muslime und Wirtschaft: Potenzial von Zuwanderern besser erschließen

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will mit Vertretern von Ländern, Wirtschaft und Migrantenverbänden über Verbesserungen für Zuwanderer beraten. Im Mittelpunkt des siebten Integrationsgipfels stehen dabei Probleme auf dem Ausbildungsmarkt.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sagte der Düsseldorfer «Rheinischen Post» (Montag): «Wir brauchen einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Flüchtlingen.» Für Flüchtlinge sollten Integrationskurse verbindlich werden, zudem sollten ihre Qualifizierungen frühzeitig erfasst und ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt nicht verwehrt werden.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) forderte mehr Verlässlichkeit für ausländische Lehrlinge und ihre Betriebe. «Es muss sichergestellt werden, dass geduldete Ausländer, die eine Ausbildungsstelle in Deutschland gefunden haben, diese auch abschließen können», sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer der «Passauer Neuen Presse» (Montag). «Die Aufnahme einer Schul- oder Berufsausbildung sollte ein dringender persönlicher Grund für die Aussetzung von Abschiebungen sein.» Allen Asylsuchenden sollten auch von Anfang an Sprachkurse angeboten werden.

Mazyek verwies auf eine Studie, der zufolge in Deutschland lebende Ausländer 2012 rund 22 Milliarden Euro mehr Steuern gezahlt als Sozialleistungen bezogen haben. Dieses Potenzial könne durch Abbau von Arbeitsmarktbeschränkungen, Anerkennung von Bildungsabschlüssen und Ausweitung von Deutschkursen noch gesteigert werden, sagte er.

«Für die deutsche Wirtschaft sind die Menschen
mit Migrationshintergrund eine große Chance», sagte Schweitzer. Allein bei den Arbeitsagenturen seien Ende September noch rund 37 100 unbesetzte Ausbildungsstellen gemeldet gewesen.

Merkel hatte am Wochenende das Augenmerk auf einen anderen Aspekt gelegt. Dass Menschen mit ausländischen Namen viel seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden, sei «leider richtig», sagte sie in ihrer wöchentlichen Video-Botschaft. Alle müssten aber die Chance auf eine Berufsausbildung erhalten - ob mit oder ohne Migrationshintergrund.

Bei Bildung, Ausbildung und Zugang zum Arbeitsmarkt sind Ausländer im Vergleich zu Deutschen noch deutlich im Hintertreffen. So bleiben 30,5 Prozent der ausländischen jungen Menschen ohne Berufsabschluss - dreimal so viele wie junge Deutsche. Jeder fünfte Deutsche hat eine Zuwanderungsgeschichte - das sind etwa 16 Millionen Bürger. Die größten Gruppen sind Menschen türkischer und polnischer Herkunft.

Mit Blick auf gut gebildete Zuwanderer und den von Arbeitgebern beklagten Fachkräftemangel sagte Merkel: «Ich denke, wir verschenken immer noch zu viele Potenziale.» Es müssten aber auch gute Deutsch-Kenntnisse selbstverständlich sein. «Ein gewisses Eigenengagement muss schon da sein, anders wird das nichts.»

Beim Integrationsgipfel sind für die Bundesregierung neben Merkel die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz (SPD), Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) dabei. Das Treffen im Kanzleramt ist bereits das siebte dieser Art. Merkel hatte das Thema Integration 2006 zur Chefsache gemacht und damals zum ersten Gipfel eingeladen. Kritiker beklagen, die Veranstaltung liefere zu wenig konkrete Ergebnisse und habe nur Symbolcharakter.