Muttersohn und Frauenheld - Erich Kästners Facetten

Gerade steht er da, in seiner Militäruniform. Umgeben von Bäumen wirkt der «einjährige Freiwillige» fesch und stolz. Doch wer die Gesichtszüge des jungen Erich Kästners genau studiert, der erkennt: Irgendetwas stimmt da nicht. Das Gesicht wirkt aufgesetzt, der Stolz vorgeschoben.

Muttersohn und Frauenheld - Erich Kästners Facetten
Jonas Schöll Muttersohn und Frauenheld - Erich Kästners Facetten

«Der Sergeant hat ihn zum Pazifisten geprügelt», erzählt Frank Druffner vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach in Baden-Württemberg. Und seine Kollegin Rosemarie Kutschis ergänzt: «Die Abneigung hat bis zum Lebensende gehalten. Der Drill brachte ihm einen lebenslangen Herzfehler ein.»

Die beiden haben sich systematisch durch den Nachlass des Schriftstellers (1899-1974, «Das doppelte Lottchen») mit rund 3000 Fotos gearbeitet. Die meisten Bilder haben sie archiviert. Sie liegen in Ordnern, geschützt von Pergamenttaschen. «Der Nachlass ist ungewöhnlich dicht», schwärmt Druffner. Kutschis spricht von einem «sehr, sehr schönen Überblick».

Grob unterscheiden sie zwischen drei Gruppen: Privatfotos, von denen viele Schnappschüsse sind. Atelierfotos, die oft zu Werbezwecken oder für Buch-Cover gemacht wurden. Und Zeitdokumente, die meist in Zeitungen veröffentlicht wurden. Vor allem die Privatfotos sprechen Bände. Beschriftungen auf ihrer Rückseite erzählen Geschichten. Manche Bilder, wie das Soldatenfoto, erinnern auch an weniger bekannte Facetten des schelmischen Kinderbuchautors.

Dazu gehört auch das verhätschelte und überbehütete Muttersöhnchen, das Kästner nicht nur in der Kindheit bleiben sollte. Schon als blond gelocktes Baby auf dem Eisbärenfell war der Knirps Mamas ganzer Stolz. Einige Jahre später schrieb sie auf ein Foto: «Mein kleiner süßer Junge, 8 Jahr alt, im selbstgefertigten Anzügel. Erich heißt er.» Selbst als renommierter Schriftsteller sollte das Einzelkind noch eine sehr enge Bindung an die Mutter haben. «Sie hat sein Leben sehr, sehr bestimmt und wie eine Märtyrerin die ganze Kraft ihn ihren Sohn gesteckt», berichtet Kutschis.

Seine Lebensgefährtin Luiselotte Enderle heiratet Kästner nie, der Sohn Thomas stammt von einer anderen Frau. Dass ihm die Frauen zu Füßen gelegen haben, scheint angesichts mancher verschmitzt-charmanten Porträts durchaus naheliegend.

Auch Kästners beruflicher Erfolg spiegelt sich in den Bildern wider. Die Zeitdokumente-Fotos zeigen den Autor bei Preisverleihungen und Filmpremieren, im literarischen Kabarett «Die Schaubude» in München und im Plausch mit anderen Literaten wie Erich Maria Remarque. Die Bilder sind begehrt: Immer wieder gibt es Anfragen von Biografen oder Magazinen, welche die Fotos nutzen möchte. Das Marbacher Archiv macht den Schatz dann gegen Gebühr zugänglich.

Kutschis hat sich in die Kästner-Porträts von Kaspar Plaas verguckt. «Der Fotograf ist recht unbekannt. Ich möchte mehr über ihn herausfinden», sagt sie. Die großformatigen Bilder stammen von 1965 und zeigen den schon etwas betagteren Autor im Gespräch - mit Falten und Zigarette. «Mir ist erst nach einer ganzen Weile aufgefallen, auf wie vielen Bildern Kästner raucht», sagt die Archivarin. «Es hat ihn am Ende auch das Leben gekostet.» Kästner starb 1974 an Krebs.