Nach Anschlag: Ermittlungen laufen unter höchster Warnstufe

Nach den Terrorattacken in Brüssel mit mindestens 31 Toten fahndet die Polizei nach weiteren Verdächtigen und Hintermännern.

Nach Anschlag: Ermittlungen laufen unter höchster Warnstufe
Olivier Hoslet Nach Anschlag: Ermittlungen laufen unter höchster Warnstufe

Als Selbstmordattentäter identifizierte die belgische Justiz ein islamistisches Brüderpaar, das auch Verbindungen zu den Drahtziehern der Anschläge von Paris gehabt haben soll. Aus Sorge vor neuen Anschlägen blieb die höchste Terror-Warnstufe in Kraft. Unter den Verletzten der Bombenexplosionen im Flughafen und in einer U-Bahn-Station sind auch mehrere Deutsche. Vor dem Länderspiel der DFB-Elf gegen England an diesem Samstag in Berlin soll der Opfer von Brüssel mit einer Schweigeminute gedacht werden.

Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw bestätigte am Mittwoch in Brüssel, dass es sich bei zwei Selbstmordattentätern um die Brüder Ibrahim (29) und Khalid (27) El Bakraoui handelt. Beide waren belgische Staatsbürger und wegen verschiedener Taten polizeibekannt. Sie standen aber nicht unter Terrorverdacht. Am Dienstag sprengte sich der Ältere auf dem Flughafen in die Luft. Kurze Zeit später zündete der Jüngere eine Bombe in der Metro-Station Maelbeek im Brüssler Europa-Viertel. Verletzt wurden mehr als 270 Menschen. Befürchtet wurde, dass sich die Zahl der Toten noch erhöht.

Wegen der verletzten Deutschen leitete auch die Bundesanwaltschaft Ermittlungen unter anderem wegen versuchten Mordes ein. Dafür ist die oberste Strafverfolgungsbehörde immer dann zuständig, wenn Deutsche unter Terroropfern sind. Das Auswärtige Amt schloss nicht mehr aus, dass auch Bundesbürger getötet wurden.

Nach Angaben der belgischen Behörden wird nach einer ganzen «Reihe von Personen» noch gesucht. Aus ermittlungstaktischen Gründen gab der Staatsanwalt aber keine näheren Auskünfte. Nach Medienberichten steht insbesondere Najim Laachraoui im Visier der Fahnder, einer der mutmaßlichen Beteiligten der Attentate von Paris, bei denen im November 130 Menschen getötet wurden.

Möglicherweise gibt es bei dem 24-Jährigen auch eine Verbindung nach Deutschland. Wie Bayerns Landespolizeipräsident Wilhelm Schmidbauer am Mittwoch sagte, hat der Drahtzieher der Anschläge von Paris, Salah Abdeslam, im September in Unterfranken übernachtet. Der Mann, der am Freitag in Brüssel festgenommen worden war, sei damals mit zwei anderen Männern im Landkreis Kitzingen in einem Gasthof gewesen. Geprüft wurde, ob einer der beiden Laachraoui gewesen sein könnte.

Die belgischen Fahnder ermittelten auch weiter auf Basis eines Fotos, das eine Überwachungskamera im Brüsseler Flughafen gemacht hatte. Als einer von drei Männern wurde darauf laut Staatsanwaltschaft Ibrahim El Bakraoui identifiziert. Vermutet wurde, dass ein anderer der drei ebenfalls getötet wurde, der zweite aber entkam.

Nach dem Hinweis eines Taxifahrers wurde im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek ein Laptop mit Bakraouis Testament gefunden. In einer nahen Wohnung entdeckten Ermittler weitere 15 Kilogramm Sprengstoff und anderes Material zum Bau von Bomben. Dort fand sich auch eine Flagge der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die sich zu den Anschlägen bekannt hat.

Der jüngere der beiden nun identifizierten Brüder soll unter falschem Namen auch eine Wohnung angemietet haben, die zur Vorbereitung der Anschläge von Paris genutzt wurde. Gleiches gilt für eine Wohnung im Brüsseler Stadtteil Forest, wo es bereits vor einer Woche bei einer Hausdurchsuchung zu einer Schießerei mit der Polizei kam. Ein mutmaßlicher Terrorist kam ums Leben, zwei Verdächtige flüchteten.

In Belgien gilt noch bis Karfreitag eine dreitägige Staatstrauer. Am Mittwoch gab es eine landesweite Schweigeminute. Aus Solidarität wurden Wahrzeichen vieler anderer Metropolen in den Nationalfarben Belgiens angeleuchtet. Dazu gehörten auch das Brandenburger Tor in Berlin und der Eiffelturm in Paris.

In ganz Europa herrscht seit den Anschlägen Terrorangst. Vielerorts wurden Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Die US-Regierung warnte ihre Bürger angesichts der jüngsten Anschläge vor Gefahren bei Reisen nach Europa. Mögliche Ziele von Attentätern seien etwa Touristenattraktionen oder Sportveranstaltungen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) geht davon aus, dass das Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen England am Samstag in Berlin stattfinden kann. «Wir haben keine Hinweise auf eine Sicherheitsgefährdung, und wir wollen - wenn es irgendwie geht - unser freiheitliches Leben nicht durch den Terror beeinflussen lassen», sagte er dem «RTL Nachtjournal». Kurz nach den Anschlägen von Paris war ein Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande in Hannover kurzfristig abgesagt worden.

Nach dem Terror von Brüssel wollen die für Innere Sicherheit zuständigen EU-Minister an diesem Donnerstag zu einem Sondertreffen zusammenkommen. Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) schlug eine Plattform für den Austausch aller Informationen von Geheimdiensten vor. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker wies darauf hin, dass konkrete Vorschläge für mehr Sicherheit in Europa seit Monaten auf dem Tisch liegen. Als Beispiele nannte er eine Verschärfung des Waffenrechts und zum Schutz der EU-Außengrenzen.