Nach dem Terror: «Meinen Hass bekommt Ihr nicht»

Es ist kein Schreiben des Hasses, sondern ein Aufruf zum Widerstand - und er bewegt viele tausend Menschen: Der Brief des französischen Journalisten Antoine Leiris richtet sich an die Mörder seiner Frau, die im Kugelhagel der Terroristen im Pariser Musikclub «Bataclan» getötet wurde.

Nach dem Terror: «Meinen Hass bekommt Ihr nicht»
Marius Becker Nach dem Terror: «Meinen Hass bekommt Ihr nicht»

Seit Tagen kursiert der Brief im Internet, Zeitungen veröffentlichten ihn. Mehr als 200 000 Mal wurde er bislang auf Facebook geteilt.

«Meinen Hass bekommt Ihr nicht», beginnt Leiris seinen Aufruf, den er am Montagnachmittag veröffentlichte. Gemeint sind die Terroristen, die im «Bataclan» 89 Menschen töteten und Hunderte schwer verletzten. Nur wenige Stunden vor der Veröffentlichung des Briefes hatte Leiris die Leiche seiner Frau Hélène Muyal-Leiris identifizieren müssen.

Dennoch empfinde er keinen Hass, schreibt Leiris. Ein solches Gefühl wäre lediglich ein Geschenk an die Terroristen, das er ihnen nicht geben wolle. «Sicher, Ihr habt es genau darauf angelegt - doch auf diesen Hass mit Wut zu antworten, das hieße, sich derselben Ignoranz zu ergeben, die aus Euch das gemacht hat, was Ihr seid.»

Mit dem Angriff hätten die Terroristen erreichen wollen, dass er Angst habe, seine Mitbürger mit Argwohn betrachte und seine Freiheit opfere. Jedoch: «Ihr habt verloren.» Er wolle sich nicht verändern, sondern genau der bleiben, der er immer war - Vater, Ehemann und Radiojournalist, schreibt Leiris.

Vor zwölf Jahren hatte der Journalist seine Frau kennengelernt. Er arbeitet beim Fernsehsender «France Bleu», Hélène war Maskenbildnerin. Beide liebten Kunst, Literatur und die Musik, wie Leiris im Interview eines französischen Radiosenders sagte. Vor 17 Monaten kam Sohn Melvil auf die Welt.

Zwei Tage und Nächte hatte Antoine Leiris gehofft, dass seine Frau das Massaker im Pariser Musikclub «Bataclan» überlebt hatte - vergeblich. Warum geht Antoine Leiris mit seiner Trauer in die Öffentlichkeit? Er wolle sich nicht von ihr überwältigen lassen, schreibt er. «Wir sind jetzt nur noch zu zweit, mein Sohn und ich. Aber wir sind stärker als alle Armeen dieser Welt.» Seine Botschaft an die IS-Terroristen: «Sein ganzes Leben wird dieser kleine Junge ein Affront für euch sein, indem er glücklich und frei sein wird.»