Nach EM-Aus: Selbstkritik bei Handball-Frauen

Jetzt wird geredet. Nach dem spielerischen Rückschritt und dem enttäuschenden zehnten Platz bei der Frauen-EM herrscht im deutschen Handball-Lager erhöhter Gesprächsbedarf.

Nach EM-Aus: Selbstkritik bei Handball-Frauen
Georgi Licovski Nach EM-Aus: Selbstkritik bei Handball-Frauen

«In Ruhe analysieren, alles ansprechen, was falsch gelaufen ist», nannte Bernhard Bauer, Präsident des Deutschen Handballbundes (DHB), die nächsten Maßnahmen und gab zu: «Ein Jahr nach der starken Weltmeisterschaft war das ein erheblicher Rückschritt. Ich dachte, wir seien weiter.»

Höchst unzufrieden war auch Bundestrainer Heine Jensen. Nach dem verkorksten Turnier in Ungarn und Kroatien war der Däne nur erleichtert, seinem Team kein Zeugnis ausstellen zu müssen. «Ich bin froh, dass ich kein Lehrer bin und Noten verteilen muss», bekannte er und fügte kritisch an: «Als es darauf ankam, waren wir nicht gut genug. Wir haben nicht an unsere eigene Stärken geglaubt und haben keinen kühlen Kopf bewahrt.» Bis zum nächsten Lehrgang im März soll alles aufgearbeitet sein.

Dass die EM am Mittwochabend in Zagreb mit einem Rekordsieg - dem 36:22 gegen die Slowakei - endete, war dem Bundestrainer ebenso wie den meisten Spielerinnen egal. «Dieses Turnier müssen wir erst einmal verarbeiten, da gibt es einiges aufzuarbeiten - nach Weihnachten», meinte Anna Loeper. Ob es letztlich am Kopf oder am Körper lag, vermochte Svenja Huber nicht zu sagen. Das Abschneiden bei ihrem EM-Debüt fasste die Rechtsaußen mit vier Worten zusammen: «Das war insgesamt enttäuschend.»

Schlimm erwischte es zum Abschluss Saskia Lang. Nach einem Foul kurz vor Ende der Partie gegen die Slowakei besteht der Verdacht auf einen Kreuzbandriss bei der Rückraumspielerin. Eine medizinische Untersuchung soll an diesem Freitag in Leipzig genauen Aufschluss über die Schwere der Knieverletzung bringen.

Der deutschen Mannschaft mangelte es nicht nur an Leichtigkeit und Siegermentalität, wie sie zum Beispiel der Skandinavierinnen an den Tag legten. Ihr fehlte auch eine Führungspersönlichkeit, die das Spiel an sich reißt und notfalls im Alleingang entscheiden kann. Diese Rolle hätte die WM-Torschützenkönigin Susann Müller übernehmen können und sollen. Doch die Linkshänderin konnte wegen einer Fingerverletzung nur beim Vorrundensieg gegen Gastgeber Kroatien auflaufen. «Wir dürfen das nicht nur an ihrem Fehlen festmachen. Aber wir müssen noch stärker, auch schon im Nachwuchsbereich, an den individuellen Stärken arbeiten», forderte DHB-Präsident Bauer.

Drei Jahre vor der Heim-WM sieht Bauer «noch viel Arbeit vor uns». Der Verbandschef monierte wie auch Nadja Nadgornaja die fehlende Konstanz. «Mal fehlte es im Angriff, dann in der Abwehr», sagte die Rückraumspielerin. Die Einzigen, auf die immer Verlass war, waren die Torfrauen Clara Woltering und Katja Schülke, das beste Gespann aller EM-Teilnehmer. Aber auch Schülke schob Frust: «Es gibt viel zu reden. Insgesamt war in allen Bereichen noch viel Luft nach oben.»

Spielerischer Lichtblick war allein das 24:24 gegen Ex-Weltmeister Frankreich im zweiten Hauptrundenspiel. «Da haben wir unser Potenzial gezeigt, auch wenn wir es nicht geschafft haben, unsere Führung auch in einen Sieg umzumünzen», sagte Bauer, der keine Trainerdebatte zulassen will.

Gespannt schauen nun alle auf die Auslosung der Playoffs für die WM 2015 am Sonntag in Budapest und hoffen, dass nicht Rekord-Weltmeister Russland der Gegner ist. Nur über das Turnier in Dänemark können sich die Deutschen für die Olympischen Spiele 2016 qualifizieren.