«Nach Europa» feiert in Hamburg Uraufführung

Am Ende brandet der Applaus nur zögerlich auf. Zu schrecklich sind die Bilder in den Köpfen, auf der Leinwand, die Wärmebildaufnahmen von Afrikanern auf der Flucht zeigen, die Szenen auf der Bühne.

«Nach Europa» feiert in Hamburg Uraufführung
Christian Charisius «Nach Europa» feiert in Hamburg Uraufführung

Da, wo die Frau tot liegt - nach einer erfolglosen Odyssee durch Afrika auf dem Weg «Nach Europa». Am Sonntag feierte das Stück von Friederike Heller nach dem Roman «Drei starke Frauen» der Französin Marie N'Diaye Uraufführung im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg.

Schlicht ist diese Bühne. Eine Reihe grauer Hartplastikschalenstühle steht dort vor einer Milchglaswand, durchzogen von grausilbernen Alu-Streben. Viel mehr wird im Laufe des Abends auf der Bühne auch nicht zu sehen sein - nicht viel mehr als die beiden Schauspieler Bettina Stucky und Matthias Bundschuh. Mehr ist auch nicht nötig, um die beklemmende Geschichte der Afrikanerin Khady Demba zu erzählen, von ihrer Flucht, dem Elend, der Prostitution. Sie beide füllen den Raum voll aus.

Früh verwitwet zieht Khady (Stucky) zu ihrer Schwiegerfamilie, sie, die der Familie den einzigen Sohn genommen, aber keine Kinder geschenkt hat. Diese ausbleibende Schwangerschaft hatte Khady die dreijährige Ehe mit dem Mann, der nur gute Worte für sie hatte, beschäftigt. Sie ist nicht sympathisch, diese Frau der Romanvorlage, die nicht mit ihrem Mann schlief, «wenn der Augenblick unfruchtbar war». Wenig später verkauft die Familie sie an einen Schleuser.

Da sitzt sie auf einem der Hartplastikstühle, in Badelatschen, braunem Kleid, einer grau-beigen, dicken Strickjacke. Mit ihrer Leibesfülle will Bettina Stucky so gar nicht an eine junge, dürre, an Leib und Seele geschundene Afrikanerin erinnern - und füllt die Figur doch grandios aus. Ein in Flanellhose und glänzendem Hemd gekleideter Mann (Bundschuh) fragt sie aus. Er spricht Deutsch, sie Französisch. Seine ungeschickten, verschämten Gesten machen seine Hilflosigkeit, sein gleichgültiges Unbehagen deutlich. Sie lächelt freundlich, nickt. Wenig später findet sie eine Stimme, spricht Deutsch.

Die 1974 in West-Berlin geborene Heller inszeniert den sprachgewaltigen Text als Dialog zwischen Khady und den Männern, die ihre Flucht begleiten. Erst der Mann, der sie wie in einem Tribunal zu befragen scheint - ihr «Kerkermeister oder Schutzengel?» -, dann der Schleuser, später der junge Lamine, der sie auf der Flucht erst beschützt und dann doch verrät - alle verkörpert von Bundschuh.

Voller Kraft und mit unglaublicher Präsenz spielt Stucky diese geschundene Frau, die doch nie ihre Würde und ihren Stolz verliert. Abgeschoben von ihren Eltern, aufgewachsen bei ihrer Großmutter, glaubt sie an ihre Einzigartigkeit - auch wenn sie schon früh weiß, «keiner auf der Welt braucht Khadys». Trotzdem wiederholt sie mit stoischem Stolz immer wieder ihren Namen - etwa wenn sie sagt, dass sie «unteilbar und wertvoll» ist. Sie bewahrt ihre innere Stärke.

Immer wieder klatscht diese Khady, an die Wand gelehnt und nur noch mit einem Spitzenunterkleid bekleidet, mit der Hand auf ihren nackten Oberschenkel, die Geräusche des entwürdigenden, schmerzhaften Geschlechtsaktes ihrer Freier, denen sie sich in einem schäbigen Zimmer immer wieder hingibt. Eine Fliege surrt durch den Raum. «Ich muss mich an den Schmerz gewöhnen, er lenkt nur ab. Es kommt der Moment, wo es aufhört.» Es wird nicht aufhören.

Aktueller hätte der Auftakt der Schauspiel-Intendanz von Karin Beier in Hamburg kaum sein können. In Zeiten, in denen das Schicksal der Lampedusa-Flüchtlinge die Menschen in Europa bewegt. Nach einem schweren Bühnenunfall im großen Haus hatte die für dort geplante Premiere des Antiken-Marathons «Die Rasenden» auf den 18. Januar verschoben werden müssen. Schon am Samstag hatte eine sechsstündige Performance-Installation der dänisch-österreichischen Theatergruppe Signa in einer Ausweichstätte zur Saisoneröffnung Premiere gefeiert.

Vor einigen Tagen hatte Friederike Heller in einem Interview gesagt, dass sie es nicht mag, wenn der Zuschauer da sitzt mit dem Gefühl, das Richtige gefühlt zu haben. Das ist ihr gelungen. Am Ende ist es erst beklemmend still, dann feiert das Publikum die großartigen Schauspieler, um dann wortkarg den Saal zu verlassen.