Nach Flüchtlingsdrama: Italien trauert und fordert Umdenken

Am Tag nach der Tragödie mit mehr als 100 toten Flüchtlingen ist Italien weiter geschockt. Es herrscht Staatstrauer, Politiker fordern Konsequenzen. Vor Lampedusa geht die Suche nach Opfern weiter.

Nach dem größten Flüchtlingsdrama seit Jahren vor der italienischen Küste forderte Rom einen Kurswechsel in der Einwanderungspolitik. «Wir werden laut unsere Stimme in Europa erheben, um die Regeln zu ändern, die die ganze Last der illegalen Einwanderung auf die Länder des ersten Eintritts abwälzen», sagte Innenminister und Vize-Regierungschef Angelino Alfano am Freitag dem TV-Sender Canale 5. Staatspräsident Giorgio Napolitano forderte eine Überprüfung der Gesetze.

Am Unglücksort gingen die Bergungsarbeiten weiter. 111 Leichen waren bis zum Morgen aus dem Mittelmeer geborgen worden, Hunderte weitere Tote wurden befürchtet. «Das ist noch keine definitive Bilanz, weil Dutzende weitere Körper im Wrack des gesunkenen Bootes sind», sagte Alfano. Die Helfer hatten ihre Arbeit trotz schlechten Wetters die gesamte Nacht über fortgesetzt. Am Morgen erreichte eine Fähre mit Särgen für die Opfer die Insel.

Nur 155 der mindestens 400 Menschen an Bord des Schiffes konnten gerettet werden. Das voll besetzte Boot hatte vor der kleinen Isola dei Conigli bei Lampedusa Feuer gefangen und war gekentert. Flüchtlinge hatten eine Decke angezündet, um Fischerboote auf sich aufmerksam zu machen, nachdem das Schiff einen Defekt gehabt hatte.

Ein Fischer, der 47 Menschen rettete, schilderte dramatische Szenen: «Hunderte nach oben gestreckte Arme, Menschen, die versuchten, sich mit Plastikflaschen oder Fischkästen über Wasser zu halten, Hilfeschreie», sagte er der Nachrichtenagentur Ansa.

Einige Überlebende erhoben Vorwürfe gegen italienische Fischer, die ihnen nicht geholfen hätten. Lampedusas Bürgermeisterin Guisi Nicolini kritisierte die italienischen Gesetze: «Die Fischer sind weitergefahren, weil unser Land schon Prozesse wegen der Förderung illegaler Einwanderung gegen Fischer und Reeder geführt hat, nachdem sie Menschenleben gerettet haben.»

Für Freitag hatte Italien einen Tag der Staatstrauer ausgerufen, vielerorts sollte es Schweigeminuten geben. «Heute ist ein Tag des Weinens», sagte Papst Franziskus. «Wir alle empfinden Wut, Empörung, das Gefühl von Machtlosigkeit», sagte Alfano. Solche Dramen könnten sich jederzeit wiederholen, betonte er. In diesem Jahr kamen nach seinen Angaben bereits 30 000 Flüchtlinge nach Italien.

Staatspräsident Napolitano hatte eine Änderung der Gesetze gefordert. Eine schnelle Überprüfung von Normen, die eine Aufnahmepolitik verhinderten, sei nun notwendig, sagte er. «Es ist auch eine Frage von Mitteln, eine Frage des Eingreifens, eine Frage von Verantwortung und eine Diskussion, die absolut nicht nur italienisch sein kann», sagte er.

Viele italienische Politiker forderten am Freitag mehr Unterstützung aus der EU. «Dieses Meer bildet die Grenze zwischen Afrika und Europa und nicht zwischen Afrika und Sizilien und deshalb muss sie mit Schiffen und Flugzeugen effektiver gesichert werden, als das momentan der Fall ist. So sinkt auch das Risiko von Toten», sagte Innenminister Alfano. «Das ist ein europäisches Drama.»

Auch die deutsche Politik wurde von der Katastrophe aufgeschreckt. Bundespräsident Joachim Gauck mahnte die Europäische Union, Flüchtlinge besser zu schützen, Menschenrechtsorganisationen forderten Deutschland auf, sich in der Flüchtlingspolitik stärker zu engagieren. Nach Jahren der Abschottungspolitik müsse sich die Bundesregierung nun entschieden für mehr Solidarität in der EU-Flüchtlingspolitik einsetzen, verlangte Amnesty International.

Italien fordert Hilfe von Europa - doch aus Sicht der EU-Kommission ist jetzt Rom am Zug. «Kann man mehr tun? Ja, aber das ist eine Sache der Mitgliedsstaaten», sagte der Sprecher von EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström in Brüssel. Die Kommission handle nur auf Bitte aus betroffenen Ländern. Die EU helfe bereits, beispielsweise beim Grenzschutz im Mittelmeer.