Nach Flüchtlingskatastrophe: Kapitän soll vor Gericht

Nach dem Schiffsunglück im Mittelmeer mit vermutlich 800 Toten sind der Kapitän und ein Besatzungsmitglied festgenommen worden.

Nach Flüchtlingskatastrophe: Kapitän soll vor Gericht
Alessandro Di Meo Nach Flüchtlingskatastrophe: Kapitän soll vor Gericht

Die Staatsanwaltschaft in der sizilianischen Stadt Catania wirft dem tunesischen Kapitän mehrfache fahrlässige Tötung, Herbeiführen eines Schiffbruchs und Begünstigung illegaler Einwanderung vor. Der syrische Seemann muss sich nur wegen letzterem Vorwurf verantworten. Die mutmaßlichen Schleuser seien von Überlebenden identifiziert worden, sagte Staatsanwalt Giovanni Salvi in der Nacht.

Bei dem Unglück am Wochenende vor der libyschen Küste kamen nach neuen Angaben des UN-Flüchtlingswerks UNHCR etwa 800 Menschen ums Leben oder werden vermisst, darunter viele Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia und Syrien. Die Staatsanwaltschaft erklärte, an Bord seien rund 850 Menschen gewesen. Die italienische Küstenwache hat bisher 24 Leichen geborgen, die in Malta bestattet werden sollten. 28 Menschen überlebten.

Die beiden Festgenommenen sind nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa 27 und 25 Jahre alt. Sie waren unter den 27 Überlebenden, die mit dem Schiff «Gregoretti» der italienischen Küstenwache am späten Montagabend im Hafen von Catania eintrafen. Dort empfing sie Verkehrsminister Graziano Delrio. Ein verletzter Überlebender aus Bangladesch war schon vorher nach Sizilien gebracht worden.

Wie viele Menschen bei dem wohl schlimmsten Flüchtlingsunglück auf dem Mittelmeer gestorben sind, wird wohl nie endgültig feststehen, da die Suche nach Vermissten bisher ergebnislos blieb und das Boot gesunken ist. Nach Aussagen von Überlebenden waren viele Menschen vermutlich im Laderaum eingesperrt.

Mehrere Faktoren führten laut Staatsanwaltschaft und UN-Flüchtlingswerk zu dem Unglück: Vermutlich war das Flüchtlingsboot in der Nacht zum Sonntag mit einem portugiesischem Handelsschiff zusammengestoßen, das zu dem Zeitpunkt am Unglücksort war. Angeblich habe sich der Kapitän verstecken wollen, habe unvorsichtig manövriert und dabei die «King Jacob» gerammt, berichtete UNHCR unter Berufung auf Überlebende. Dann sei Panik ausgebrochen. Die Menschen, die unter Deck waren, hätten nur den Aufprall gespürt und wollten raus. Andere auf der Brücke seien sofort ins Wasser gestürzt. Dann habe sich das Schiff immer mehr zur Seite geneigt und sei schließlich gekentert. Zudem sei das Boot überladen gewesen, so der Staatsanwalt.

Die Küstenwache in Italien stößt mittlerweile an ihre Grenzen, weil der Flüchtlingsstrom nicht abreißt. Jeden Tag müssen Hunderte Menschen gerettet werden. «Wir stehen vor einem epochalem Exodus und unsere Leute, die rund um die Uhr arbeiten, werden auf eine harte Probe gestellt», sagte Admiral Giovanni Pettorino der Zeitung «La Repubblica». «Viele sehen seit Monaten ihre Familien, ihre Kinder, nicht mehr, um die Kinder Anderer zu retten. Es ist eine noch nie dagewesene Aufgabe in der Geschichte unserer Marine.»