Nachttalker Jürgen Domian hört Ende 2016 auf

Zwischen 1.00 und 2.00 Uhr nachts war er schon für viele Menschen da: Seelentröster Jürgen Domian hat nach rund 20 Jahren genug von der Nachtarbeit und will seine Anrufsendung beenden.

«Ich habe Lust, mal wieder häufiger die Morgensonne zu sehen», sagt der 56 Jahre alte WDR-Nachttalker in der Nacht zu Dienstag. Noch bis Ende 2016 werde er weitermachen. Darauf habe er sich mit dem WDR geeinigt. Wie es mit dem Sendeplatz danach weitergehen soll, ist noch unklar.

Das Echo ist groß: Im Netz häuften sich Nachrichten von dankbaren und enttäuschten Fans. Die Evangelische Kirche Deutschlands, einer der größten Anbieter von Telefon-Seelsorge, bezeichnete den Journalisten und Moderatoren als «sehr klugen und einfühlsamen Gesprächspartner». Wieland Backes, der lange für den SWR talkte, lobte die Entscheidung. Es sei richtig aufzuhören, wenn die Sendung noch erfolgreich sei.

Ein «nächtlicher Freund in der Not» wird der 57-Jährige auf Twitter genannt. Andere User sind «enttäuscht und wütend». Der Kanal ZDFneo bezeichnete Domian kürzlich als «Godfather of Telefonseelsorge».

Nacht für Nacht rufen Hörer in seiner Sendung an, erzählen von schweren Schicksalsschlägen, Liebeskummer, abseitigen Hobbys oder skurrilen Sexpraktiken. Im Laufe der Jahre wurde der Moderator Anlaufpunkt für Probleme aller Art, oft letzte Rettung Verzweifelter. Insgesamt hat Domian seit der ersten Sendung am 3. April 1995 rund 20 000 Gesprächspartner in seiner Nachtsendung gehabt.

«Wir sind keine Therapeuten», sagte der langjährige Gastgeber der SWR-Talkshow «Nachtcafé», Wieland Backes, am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. «Man nimmt nach so einer Sendung einiges mit.» 2012 hatte Backes mit seinem Format 25. Jubiläum gefeiert, zwei Jahre später hörte er auf. Auch bei ihm kamen mitunter traurige Themen zur Sprache. «Es ist eine Kunst, nicht abzustumpfen und sich die nötige Empathie zu bewahren», sagte Backes.

Der Medienbeauftragte der Evangelischen Kirche Deutschland lobte den zeitgemäßen Stil Domians, «zu helfen, ohne vorschnell zu werten». Wenn nötig, habe der Moderator mit Nachdruck dazu geraten, professionelle psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

1Live-Programmchef Jochen Rausch dankte Domian und bezeichnete den Entschluss nach 20 Jahren als «mehr als verständlich.» Eine WDR-Sprecherin sagte am Dienstag in Köln, es sei noch zu früh, um über ein Nachfolgeformat zu sprechen. Eine Facebook-Userin machte hingegen den Vorschlag, einen «für alle Beteiligten angenehmeren Sendeplatz zu finden anstatt diese abzusetzen».