«Nathan der Weise» in Bad Hersfeld aktueller denn je

Lessings Drama «Nathan der Weise» stammt zwar aus dem Jahr 1779. Aber für Holk Freytag ist der Stoff des Literaturklassikers brandaktuell.

«Nathan der Weise» in Bad Hersfeld aktueller denn je
Uwe Zucchi

«Die Weltpolitik aktualisiert das Drama täglich neu», sagt der Intendant der Bad Hersfelder Festspiele und verweist als Beispiel auf den Bürgerkrieg in Syrien. Letztlich ist Lessings Text ein Plädoyer für Toleranz, Menschlichkeit und Versöhnung. Es zeigt wie im Nahen Osten drei Weltreligionen aufeinander prallen: Christentum, Judentum und Islam.

Für Holk Freytags Bühnenwerk gab es am Samstagabend zur Eröffnung der 63. Festspielsaison von den 1400 Zuschauern in der nicht ausverkauften Stiftsruine beherzten, aber keinen überschwänglichen Applaus. Es mochte am ernsten Stoff liegen oder an der reduziert wirkenden Inszenierung. Freytag ließ die Bühne in der weltgrößten romanischen Kirchenruine leer und den eindrucksvollen Ort puristisch für sich sprechen. An drei Feuerstellen loderten lediglich helle Flammen empor - die Bühne als Krisenherd.

Freytag bot eine verjüngte Version des «Nathans» an - was schon an der Gestalt des Hauptdarstellers deutlich wurde. Stephan Schad, im Juli wird er 49 Jahre alt, ist ein recht junger «Nathan». Er spielte ihn aber authentisch, leidenschaftlich und zuweilen energisch. Für den Hersfeld-Debütanten aus Hamburg war es nach eigener Aussage eine Ehre, bei dem renommierten (Freilicht-)Theaterfestival mitwirken und die Tradition der großen Schauspieler dort fortführen zu dürfen.

Schad ließ für das Engagement sogar eine Anfrage für einen zweiwöchigen TV-Film-Dreh auf Hawaii sausen. «Wenn man auch Lessing angeboten bekommt, muss man alles fahren lassen. Der Nathan war die reizvollere Rolle», begründete er seine Entscheidung. An seiner Seite spielte Annett Kruschke eine quirlige, offenbar modisch ambitionierte Daja. Michaela Barth bot ein lässiges Kostümbild, mit einer Mischung aus Tradition und Moderne. Sehr plakativ wirkte das Outfit des jungen christlichen Tempelherren, der einen Kampfanzug in Tarnfarben trug. Die historische Handlung spielt schließlich zur Zeit des Dritten Kreuzzuges (1189-1192) während eines Waffenstillstandes in Jerusalem.

Für seine aufopferungsvolle Darbietung erhielt Tempelherr Stephan Ullrich ebenso viel Anerkennung vom Publikum wie der sprachlich und mimisch markant spielende Dirk Glodde als Sultan Saladin. Charlotte Puder (Recha) und Fabian Baumgarten (Klosterbruder) zeigten ihr vielversprechendes Potenzial.

Die Dialoge der Akteure stellte Freytag in den Vordergrund und verzichtete auf bildstarke, optisch reizende Elemente. Allein die Botschaft des Stückes zählte. Nathan-Darsteller Schad befand: «Dieser Text ist an Gehalt, an Substanz und in seinen klugen Fragen nach unserem "Menschsein" unübertroffen.»

Schad sieht Anknüpfungspunkte nicht nur im Nahen Osten sondern auch in Deutschland. «Ich möchte die Jugendlichen, die am vorvergangenen Sonntag den Offenbacher Rabbiner Menachem Mendel Gurewitz mit gehässigen und feindseligen «Jude, Jude!»-Rufen und Einschüchterungsversuchen belästigt haben, in unsere Aufführung einladen.» Er würde gern im Anschluss einer Aufführung mit ihnen diskutieren, sagte Schad.

Nachdenkliche Töne stimmte auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) an. In seiner Eröffnungsrede beim Festakt vor der ersten Premiere sagte er: «Toleranz ist nicht das herausragende Merkmal der Religions- und Kirchengeschichte.» Religionen hätten ein ambivalentes Verhältnis zur Toleranz. «In der Lehre vermitteln sie Toleranz, in der Praxis verweigern sie Toleranz.»