Neil Young: Großer Lärm, zarte Lieder

Vier schwere Männer und eine Woge von Lärm. Polternde Drums, stoisch pumpender Bass - und Gitarren, Gitarren, Gitarren. Mächtig verzerrt, schmerzhaft schrill, knurrig und brüllend, melodisch singend, vor allem: laut.

Neil Young: Großer Lärm, zarte Lieder
Britta Pedersen

Neil Young und seine immer noch beste Begleitband Crazy Horse sind seit Jahrzehnten in bewährter Mission unterwegs: Sie zeigen den Fans in all ihrer Gelassenheit, wie schön und wie kunstvoll Krach sein kann. Am Sonntagabend starteten die vier alten Recken mit einem umjubelten Open-Air-Konzert in Berlin eine zweieinhalbmonatige Europa-Tournee.

Was vor knapp 45 Jahren mit dem Album «Everybody Knows This Is Nowhere» begann, hat sich längst zu einer der großen Legenden der amerikanischen Rockmusik verdichtet. Neil Young, der 1969 in Woodstock auftrat und mit verschiedensten Bands zusammenarbeitete, kam - oft nach vielen Jahren Sendepause - immer wieder auf seine urwüchsig rumpelnden Garagenrocker Crazy Horse zurück. «Psychedelic Pill», das aktuelle Album aus dem Vorjahr, wird als spätes Meisterwerk gepriesen. Es ist mit zwei sehr langen Songs auch beim Auftritt in der proppevollen Waldbühne prominent vertreten.

In Berlin wird schnell klar, dass sich die Magie zwischen Sänger und Leadgitarrist Young (67), Rhythmusgitarrist Frank «Poncho» Sampedro (64), Bassmann Billy Talbot (69) und Schlagzeuger Ralph Molina (69) nie abgenutzt hat. Schon der Eröffnungssong «Love And Only Love» knallt mit ungeheurer Wucht aus den riesigen Boxen neben der chaotisch zugestellten Bühne, die Spielfreude ist sofort spürbar.

Dass Crazy Horse keine Virtuosen sind, sondern Instinktmusiker, machte für Young stets die Sahne an der Sache aus. Und so lässt der ganz in Schwarz gekleidete Kanadier auch jetzt wieder in öffentlichen Proberaum-Sessions auf großer Bühne die symbiotische Beziehung zu seinen US-Kumpels hochleben.

Nach dem Band-Klassiker «Powderfinger» stürzen sich die betagten Herren in typischer Pose - drei rotten sich im Kreis eng zusammen, im Hintergrund knüppelt der Drummer - auf den neuen Song «Walk Like A Giant». Mehr oder weniger harmonisches Gepfeife bildet den Refrain eines fast zwanzigminütigen Stücks, das alles enthält, was Neil Young & Crazy Horse ausmacht: Fast schon kindliche Freude am monumentalen Sound, Druckwellen von Feedback und dahinter eine fabelhafte Melodie. Dass diese recht ähnlich klingt wie so manches ältere Lied der Band-Historie, schadet ihr erstaunlicherweise nicht.

Bei Young gehören Berserker-Gehabe und Zartgefühl stets zusammen - das beweist er im Mittelteil des Konzerts. Mit der zu Akustikgitarre und Mundharmonika solo aufgeführten Mega-Ballade «Heart Of Gold» und dem überraschenden Bob-Dylan-Cover «Blowin' In The Wind» lässt er die goldene Folk-Ära der 60er und 70er Jahre anklingen. In «Singer Without A Song» hat eine junge Schauspielerin mit Gitarrenkoffer einen etwas bizarren stummen Auftritt.

Aber die Verschnaufpause bleibt kurz, bald vibriert wieder die Luft - bei der über 15 Minuten dröhnenden Säuferpaar-Story «Ramada Inn» vom neuen Album, der ausgelassen fröhlichen Feier des berüchtigten F-Worts in «Fuckin' Up», einer «Mr Soul»-Version in gefährlicher Nähe zum Rolling-Stones-Hit «Satisfaction».

Mit «Hey Hey My My» und «Like A Hurricane», zwei wahrhaftigen Ikonen der Rockmusik, endet ein langer, hochintensiver Auftritt zum Tourneestart von Neil Young & Crazy Horse. Die alten Männer haben es noch drauf, das verrückte Pferd läuft noch im strammen Galopp. Man zieht ehrfürchtig den verschwitzten Lederhut vor dieser tollen Band. Und vermisst doch ein wenig das Gefühl der reinen, naiven Euphorie, das erst kürzlich wieder die Stadion-Auftritte von Bruce Springsteen vermittelten. Ein Star, der sein Publikum liebt und umgarnt, war Neil Young freilich nie. Sondern immer ein großer Unbequemer.

Weitere Konzerte von Neil Young & Crazy Horse im Sommer: 3.6. Hamburg, 12.7. Köln, 14.7. Locarno/Schweiz, 15.7. Wien, 22.7. Stuttgart, 23.7. Nyon/Schweiz, 14.8. Dresden.