Nepalesen nehmen Erdbeben-Hilfe selbst in die Hand

Fast eine Woche nach dem schweren Erdbeben in Nepal nehmen viele Menschen die Katastrophenhilfe selbst in die Hand. Sie sind von der ihrer Meinung nach unzureichenden Unterstützung des Staates enttäuscht.

Bei dem Beben am vergangenen Samstag starben mehr als 6000 Menschen. 2,8 Millionen Menschen sind nach Schätzungen obdachlos, mehr als drei Millionen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Mindestens 130 000 Häuser wurden vernichtet, weitere 85 000 beschädigt, wie das UN-Büro für Katastrophenhilfe (Ocha) sagte. Einige Kriminelle versuchen, das Chaos im Land auszunutzen. Die Polizei nahm mehrere Plünderer fest.

Die Familien zweier verschollener Nepal-Urlauberinnen aus Deutschland bangen noch immer. Die 20-jährige Leonie und ihre Freundin Nina wollten zu einer Wanderung ins Langtang-Tal, das vom Erdbeben stark betroffen ist. Über Facebook und Twitter verfolgen die Eltern die aktuellen Nachrichten - dort gebe es «gelegentlich handgeschriebene, abfotografierte Listen», sagte Leonies Mutter Anja Elsner.

Die Zahl der vermissten Deutschen nach dem verheerenden Erdbeben bewegt sich nach Angaben aus dem Auswärtigen Amt im höheren zweistelligen Bereich. Bestätigt ist bislang nur der Tod eines Professors aus Göttingen, der bei einer Exkursion im Himalaya ums Leben gekommen war.

Viele Nepalesen packten aus Frust über die schleppende Erdbeben-Hilfe des Staates selbst an. «Die Menschen in meiner Nachbarschaft haben beschlossen, etwas zusammenzustellen, weil sie von der Regierung enttäuscht sind», sagte ein freiwilliger Helfer in der Hauptstadt Kathmandu. Die Gruppe benutze sein Büro im Stadtteil Sanepa, um die Hilfsgüter zu sammeln und zu verteilen. «Es gibt viele Freiwillige, die beitragen wollen.» Derzeit verteilten sie Zelte und Medikamente.

Während sich die Lage in Kathmandu nach Einschätzungen der Frankfurter Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Medico international allmählich beruhigte, blieb es auf dem Land weiter angespannt. Aufgrund der schwachen Infrastruktur gelange die Hilfe nur schwer in die entlegenen Regionen des Landes. Lokale Medien berichteten, an manchen Orten seien die Menschen so verzweifelt, dass sie Lastwagen stoppten und die Hilfsgüter einfach an sich nahmen.

Unterdessen beschwerte sich ein Team der Rettungshunde-Akademie Nepals auf Twitter, in der Stadt Gorkha nahe dem Epizentrum seien zu viele Suchteams. Es gebe keine gesicherten Informationen, und die Planungen verliefen chaotisch. Das Beben der Stärke 7,8 im Himalaya war das schwerste in Nepal seit mehr als 80 Jahren. In den Nachbarländern Indien und China starben zusammen mindestens weitere 100 Menschen.

Die nepalesischen Behörden gehen hart gegen Leute vor, die Profit aus dem Chaos schlagen wollen: Wer die Preise der Grundnahrungsmittel erhöhe, müsse mit einer Strafe von 2000 US-Dollar und zehn Jahren Gefängnis rechnen, warnte die Regierung nach Angaben von Ocha.

Auch hinter Gerüchten bevorstehender neuer Beben steckt nach Einschätzung der Behörden kriminelle Energie. «Solche Gerüchte werden meist von Kleinkriminellen in Umlauf gebracht, die dann in die Häuser einbrechen, die die Leute verlassen haben», sagte Polizeisprecher Prajwal Maharjan. Vier Menschen wurden nach Polizeiangaben wegen solcher Einbrüche festgenommen.

Die Hoffnungen, weitere Überlebende aus den Trümmern zu retten, schwinden nach Angaben des Büros für Katastrophenhilfe. Am Donnerstag waren noch einmal zwei Überlebende aus den Trümmern gezogen worden, aber die Such- und Rettungsaktionen gingen nach Angaben des Büros langsam zu Ende. Nun sei die Herausforderung, Tote zu bestatten, Vermisste zu identifizieren und Familien wieder zusammenzuführen.