Neues Spitzenduo Pötsch/Müller soll VW aus der Krise führen

Mit dem neuen Führungstandem Hans Dieter Pötsch und Matthias Müller will Europas größter Autobauer Volkswagen in der weltweiten Abgas-Krise die Trendwende schaffen.

Der 20-köpfige Aufsichtsrat wählte den Österreicher Pötsch in Wolfsburg zu seinem neuen Vorsitzenden. Bereits in der vergangenen Woche hatte das Gremium den früheren Porsche-Chef Müller zum Konzernchef berufen.

Pötsch löst den übergangsweise amtierenden Berthold Huber ab. Der frühere IG-Metall-Chef hatte den Posten im Frühjahr von Ferdinand Piëch übernommen. Der VW-Patriarch war nach dem verlorenen Machtpoker mit dem damaligen Vorstandschef Martin Winterkorn zurückgetreten.

«Es ist mir ein persönliches Anliegen, alles zu tun, damit die Vorgänge restlos ausgeklärt werden», sagte Pötsch nach der Sitzung in Wolfsburg. Er sei sich der besonderen Verantwortung dabei bewusst.

Pötschs bisherigen Posten als VW-Finanzchef übernimmt - ebenfalls wie erwartet - ab sofort der bisherige Vorstandsvorsitzende der VW-Finanztochter, Frank Witter. Der Aufsichtsrat folgte auch bei dieser Personalie den Empfehlungen seines Präsidiums.

Wie zuvor schon der neue VW-Chef Müller bat auch Pötsch bei der Aufklärung der Abgas-Affäre um Geduld: «Mit Mutmaßungen oder vagen vorläufigen Sachständen ist aber niemanden gedient. Deshalb wird es noch einige Zeit dauern, bis gesicherte und belastbare Ergebnisse vorliegen und wir Sie umfassend informieren können.»

Vor VW lägen große Herausforderungen, betonte Pötsch. «Wir müssen die aktuelle Krise bewältigen, wir müssen aber auch dafür Sorge tragen, dass sich der Volkswagen-Konzern erfolgreich weiterentwickeln kann, in einer Industrie, die sich fundamental verändert wie nie zuvor.»

Volkswagen brauche deshalb Veränderungen bei den Strukturen, bei den Entscheidungsprozessen und in der Zusammenarbeit. «Darin sind sich alle Beteiligten einig. Das gehen wir gemeinsam an, und deshalb kann und wird Volkswagen gestärkt aus der aktuellen Krise hervorgehen.»

Der Wahl von Pötsch war ein Beschluss des Amtsgerichts Braunschweig vorausgegangen. Am Morgen hatte das Gericht Pötsch per Beschluss - befristet bis zur nächsten, noch nicht terminierten Hauptversammlung - zum Mitglied des Kontrollgremiums ernannt. Dort soll dann, wie bereits von Aktionärsvertretern verlangt, die offizielle Wahl durch die stimmberechtigten Anteilseigner nachgeholt werden.

Die Personalie war im Aufsichtsrat bis zuletzt umstritten. Nach Angaben aus Teilnehmerkreisen hatte Pötschs nach wie vor ungeklärte Rolle bei den bisherigen Verfehlungen für großen Gesprächsbedarf unter den Mitgliedern gesorgt. Am Ende setzte sich aber die Familie Porsche/Piëch mit ihrer Forderung zugunsten des 64-Jährigen durch.

Für Pötsch muss auf der Kapitalseite des Aufsichtsrates Julia Kuhn-Piëch ihren Platz räumen. Die Nichte von Ferdinand Piëch war im Mai nach dessen Rücktritt übergangsweise in das Gremium aufgerückt.

«Wir danken Herrn Pötsch sehr, dass er sich in schwierigen Zeiten bereiterklärt hat, diese wichtige Aufgabe zu übernehmen», sagte Co-Aufsichtsrat und Großaktionär Wolfgang Porsche. Pötsch zeichne sich durch «strategische Weitsicht, tiefe Kenntnisse der Automobilindustrie und große Expertise an den Finanzmärkten» aus.

Unterdessen wartete die Bundesregierung am Mittwoch auf die fristgerechte Vorlage des bei Volkswagen angeforderten Zeit- und Maßnahmenplans, mit dem der Abgas-Skandal bewältigt werden soll. «Er ist heute noch nicht eingegangen, aber wir erwarten ihn für heute», sagte ein Ministeriumssprecher.

Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) werde die vorgeschlagenen Maßnahmen dann «auf Sinnhaftigkeit» prüfen - und darauf, ob deutsche und europäische Gesetze eingehalten würden. Der Sprecher kündigte eine öffentliche Kommunikation durch KBA und Ministerium an, sobald der Brief eingegangen sei, möglicherweise noch im Laufe des Tages.

Zuvor hatte der neue VW-Chef Matthias Müller der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (Mittwoch) gesagt, der Rückruf der betroffenen Fahrzeuge solle im Januar starten und bis Ende 2016 abgeschlossen sein. Dazu wollte sich der Ministeriumssprecher nicht äußern.

In den USA wandte sich VW mit Entschuldigungsschreiben an enttäuschte Kunden. «Volkswagen hat Ihr Vertrauen verletzt. Ich kann Ihren Ärger und Frust voll und ganz verstehen und nachvollziehen», heißt es in dem von Volkswagen-US-Chef Michael Horn unterzeichneten Schreiben.

Mehrere Kunden veröffentlichten den auf den 29. September datierten Brief am Mittwoch im Internet. Horn muss am Donnerstag in einem Ausschuss des US-Kongresses zu der Affäre Rede und Antwort stehen.

In Deutschland reichte derweil erstmals auch ein VW-Kunde Klage gegen den Konzern ein. Das Landgericht Braunschweig bestätigte am Mittwoch den Eingang. Die Besitzerin eines Autos der «Blue Motion»-Reihe wolle den Wagen zurückgeben, weil sie sich in ihrer Erwartung, ökologisch unterwegs zu sein, enttäuscht sehe, teilten ihre Anwälte mit.

«Die Weiternutzung eines nicht schadstoffarmen Kraftfahrzeugs ist der Klägerin unzumutbar», betonte der Rechtsanwalt. Die von VW angekündigte Nachbesserung reiche nicht, um den Schaden zu beheben.

In der vorigen Woche hatte ein Privatanleger aus Baden-Württemberg eine Schadenersatz-Klage bei dem Braunschweiger Gericht eingereicht. Inzwischen sollen nach Angaben verschiedener Kanzleien weitere Sammelklagen von Aktionären auf den Weg gebracht worden seien.