«Nicht an Hecken»: Knigge für Flüchtlinge löst Kritik aus

Der Alltag in der kleinen Gemeinde Hardheim im Norden von Baden-Württemberg ist aus den Fugen geraten. Seitdem die beschauliche 4600-Seelen-Gemeinde rund tausend Flüchtlinge aufgenommen hat, hat sich für die Bewohner vieles verändert.

«Nicht an Hecken»: Knigge für Flüchtlinge löst Kritik aus
Christoph Schmidt «Nicht an Hecken»: Knigge für Flüchtlinge löst Kritik aus

Ob vor dem Supermarkt, auf den Straßen oder am Fußballplatz, überall prägen fremde Gesichter das Alltagsbild. Für Bürgermeister Volker Rohm (Freie Wähler) war das ein Grund, einen Verhaltenskodex an die Asylbewerber zu verteilen. Der Knigge für die Flüchtlinge spaltet die Gemüter.

«Liebe fremde Frau! Lieber fremder Mann!», beginnt das Schreiben, über das die Flüchtlinge laut Gemeinde in verschiedenen Landessprachen informiert wurden. «Viele von Ihnen haben Schreckliches durchgemacht. Krieg, Lebensgefahr, eine gefährliche Flucht durch die halbe Welt», heißt es zunächst noch einfühlsam.

Doch rasch ändert sich der Ton, es folgen banale Belehrungen: «Deutschland ist ein sauberes Land und das soll es bleiben!», heißt es etwa. Und wenn man öffentliche Toiletten benutze, «ist es hier zu Lande üblich, diese sauber zu hinterlassen». Weiter geht es darum, Ware im Supermarkt zu zahlen, bevor man sie aufmacht. Oder nach 22 Uhr die Nachtruhe zu respektieren. Und: «Unsere Notdurft verrichten wir ausschließlich auf Toiletten, nicht in Gärten und Parks, auch nicht an Hecken und hinter Büschen.»

Die Hardheimer Benimmregeln sorgen deutschlandweit für Schlagzeilen. Am Donnerstagvormittag bricht die Internetseite der Gemeinde zusammen, das Telefon im Rathaus steht nicht mehr still. «Flüchtlinge sind Diebe, schmutzig und baggern allesamt Mädchen an - das bleibt nach der Lektüre des Leitfadens», schreibt beispielsweise «Spiegel Online». Bürgermeister Rohm kommt mit Interviews nicht mehr hinterher, kann den Hype nicht verstehen.

Das Gemeindeoberhaupt verteidigt die umstrittenen Benimmregeln. «Der Leitfaden ist nicht als Schikane gedacht, sondern soll das Zusammenleben zwischen Asylbewerbern und Bevölkerung erleichtern», sagt Rohm. «Wir wollen die Asylbewerber damit nicht zu guten Deutschen machen.» Bei den Verhaltensregeln handele es sich um Empfehlungen nach Beschwerden, die überwiegend von Bürgern an das Rathaus herangetragen worden seien.

Angelika von Loeper, Vorsitzende des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg, sieht das anders: Zettel zu verteilen, in denen Vorurteile aneinandergereiht würden, trage keineswegs dazu bei, die Ängste der Bürger abzubauen. «Ich halte das für einen falschen Ansatz und hochproblematisch», sagt sie. «Das nährt meiner Ansicht nach rassistische Tendenzen.» Das baden-württembergische Integrationsministerium wollte sich nicht äußern.

Doch nicht alle teilen die kritische Auffassung: «Wenn Flüchtlinge nach Deutschland kommen, müssen sie sich an unsere Regeln halten. Hardheim sollte ein Beispiel für ganz Baden-Württemberg sein», sagt der Bundestagsabgeordnete und Bezirksvorsitzender der CDU Württemberg-Hohenzollern, Thomas Bareiß. «Wir brauchen jetzt klare und unmissverständliche Integrationsregeln, der Vorstoß der Gemeinde Hardheim ist richtig.»