Niersbach im Fokus - Zwanziger schürt Stimmenkauf-Theorie

In der immer bizarreren Sommermärchen-Affäre rückt wieder Wolfgang Niersbach voll in den Mittelpunkt. Der DFB-Präsident lässt den drängenden Bundestag auf Antworten warten und gerät durch eine Aussage seines Vorgängers Theo Zwanziger weiter unter Druck.

«Es war 2002 kein Alleingang von Franz Beckenbauer, die Führungsspitze des OK war eingeweiht, also Wolfgang Niersbach, Horst R. Schmidt und Fedor Radmann», sagte Zwanziger.

Als Kronzeugen verwendet der frühere Chef des Deutschen Fußball- Bundes den damaligen Organisationskomitee-Vorsitzenden Beckenbauer. Dieser hatte nach seiner Aussage vor den externen DFB-Ermittlern Fehler eingeräumt und das Verhalten anderer Beteiligter «teilweise als unsäglich» bezeichnet. Niersbach, der vorerst der Einladung des Sportausschusses nicht folgt, behauptet bislang, vor 13 Jahren von einer Zahlung an die FIFA-Finanzkommission noch nichts gewusst zu haben.

Unterdessen schürte Zwanziger am Dienstag neue Spekulationen um einen Stimmenkauf vor der WM 2006. Der frühere Verbandschef konkretisierte seinen Verdacht eines «Schmiergeldteppichs» und verweist auf eine mögliche Bestechung des FIFA-Funktionärs Charles Dempsey.

Dies lässt sich aus einer Notiz ableiten, die Zwanziger in einem 2012 veröffentlichten Dokument aus dem Verfahren gegen den ehemaligen Rechtevermarkter ISL gemacht hat. Dieses Schriftstück veröffentlichte die «Bild»-Zeitung nach einem Treffen mit Zwanziger.

In der Auflistung von Überweisungen, die sich in der Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Zug aus dem Jahr 2010 findet, steht neben einem Geldtransfer am 5. Juli 2000 über 250 000 US-Dollar die Bemerkung: «Dempsey!» Dass der Neuseeländer bei der Vergabe einen Tag später in der letzten Runde keine Stimme abgegeben hatte, sicherte Deutschland im Duell mit Südafrika den WM-Zuschlag. Der Deutschen Presse-Agentur bestätigte Zwanziger, dass er die Notiz direkt nach Veröffentlichung vor drei Jahren gemacht hätte.

«Dieser Schmiergeldteppich hat mich 2012 irritiert und zweifeln lassen, ob die Variante Provisionszahlung richtig ist», sagte der 70-Jährige auf Anfrage. «Ich sah es als meine Pflicht an, diese Ungereimtheiten dem DFB und früheren Mitgliedern des OK zu übermitteln und eine Prüfung anheimzustellen.»

Im Zentrum der Affäre und auch der Untersuchung der vom DFB beauftragten Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer steht eine Zahlung von 6,7 Millionen Euro. Diese soll laut Darstellung von DFB-Präsident Niersbach an die Finanzkommission der FIFA gegangen sein. Durch diese Zahlung soll das Organisationskomitee eine Unterstützung in Höhe von 170 Millionen Euro erhalten haben. Zwanziger sprach von einer «schwarzen Kasse». Den im Raum stehenden Vorwurf eines Stimmenkaufs wies der DFB mehrfach zurück.

Insgesamt mehr als zehn Rechtsanwälte der Kanzlei arbeiten derzeit in der DFB-Zentrale. Mit konkreten Ergebnissen ist nach Auskunft der externen Ermittler aber erst in einiger Zeit zu rechnen. «Wir haben Verständnis für den großen Informationsbedarf, aber bitten auch um Verständnis, dass wir mit Blick auf die Zahl der zu sichtenden Dokumente und zu befragenden Personen dafür einige Wochen benötigen werden», erklärte Christian Duve von Freshfields Bruckhaus Deringer.

In der Affäre hatte auch der Sportausschuss des Bundestags Aufklärung verlangt und Niersbach zur nächsten Sitzung am 4. November eingeladen. «Der DFB hat mir heute schriftlich mitgeteilt, dass man die Einladung für kommende Woche nicht wahrnehmen könne, da man zunächst die Ergebnisse der externen Prüfung abwarten wolle», sagte die Ausschussvorsitzende Dagmar Freitag (SPD) am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. «Eine grundsätzliche Gesprächsbereitschaft hat der DFB aber ebenfalls signalisiert.»

Bei den externen DFB-Ermittlungen hatte der damalige Organisationskomitee-Vorsitzende Beckenbauer am Montag als Erster ausgesagt. Dabei gestand er einen «Fehler» ein, das OK hätte nicht auf einen Vorschlag der FIFA-Finanzkommission eingehen dürfen, um einen Finanzzuschuss zu bekommen.

Auch Zwanziger wird in den kommenden Tagen eigenen Angaben zufolge aussagen. Der Vorgänger von Niersbach sorgte mit dem Bezug auf die ISL-Akte für weitere Dynamik. Der inzwischen gestorbene Neuseeländer Dempsey hatte einen Tag nach der vermeintlichen Zahlung an ihn vor der letzten Abstimmungsrunde über den WM-Ausrichter 2006 den Raum verlassen und sich damit enthalten. Deutschland setzte sich so mit 12:11 Stimmen gegen Südafrika durch. Über einen Verdacht, dass es sich bei dem anonymisierten Zahlungsempfänger «E16» um Dempsey handelt, hatten Medien bereits in der Vergangenheit berichtet.

So schrieb unter anderem die «Daily Mail», dass ein Arrangement getroffen worden sei, dass Dempsey vor der Abstimmung zurück in das Dolder Grand Hotel gehen und einen Koffer in der Garderobe einsammeln sollte. Dieser sollte 250 000 US-Dollar beinhalten, ein Taxi sollte Dempsey anschließend zum Flughafen bringen. Für diese Anschuldingungen gibt es bislang keine Beweise.

In den entscheidenden Wahl-Minuten habe er «nicht tolerierbaren Druck» verspürt, verriet Dempsey später. «Einflussreiche europäische Interessen-Gruppen» hätten ihm klargemacht, dass ein Votum für den eigentlichen Favoriten Südafrika Konsequenzen haben würde, ließ Dempsey wissen.

Auch Sponsoren des DFB fordern nun lückenlose Aufklärung. «Über die derzeitigen Vorwürfe bezüglich der WM-Vergabe 2006 haben wir mit den DFB-Verantwortlichen gesprochen», sagte Ulrike Strauß, Sprecherin des Versicherungskonzerns Allianz (München) der «Sport Bild» (Mittwochausgabe). «Wir gehen davon aus, dass der DFB die Vorwürfe lückenlos aufklären wird.» Auch beim Chemie-Konzern Henkel (Düsseldorf) werden die Vorwürfe genau beobachtet. «Wir verfolgen die aktuelle Berichterstattung rund um die Vergabe der WM 2006 sehr aufmerksam», sagte Henkel-Sprecher Lars Witteck dem Sportmagazin.