Niersbach: UEFA spricht von Blatter-Gegenkandidat

Die Spitzenvertreter des deutschen Fußballs haben in der Debatte um die Machenschaften der FIFA den Konfrontationskurs mit Weltverbandspräsident Joseph Blatter verschärft.

DFL-Chef Christian Seifert beschwor ein gemeinsames Vorgehen auch abseits der größten Kritiker Deutschland und England, DFB-Präsident Wolfgang Niersbach bringt einen europäischen Gegenspieler bei der Präsidentenkür zurück ins Spiel. «Ich schließe nicht aus, dass es bis zum 24. Januar doch noch einen europäischen Kandidaten geben wird», sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». «Diese mögliche Option wird gerade innerhalb der UEFA besprochen.»

Michel Platini, Chef der Europäischen Fußball-Union, hatte erst Ende August erklärt, nicht gegen Blatter antreten zu wollen. Die Frist für mögliche Kandidaten läuft Anfang 2015 ab, die Wahl findet auf dem Kongress des Weltverbands am 29. Mai statt. Neben dem Schweizer hat bislang nur der als aussichtslos geltende frühere FIFA-Funktionär Jerome Champagne seine Absicht zur Kandidatur erklärt. Auch der Ex-Präsident des chilenischen Fußball-Verbandes, Harold Mayne-Nicholls, hielt sich eine Bewerbung offen. Niersbach lehnte dies für sich selbst stets ab. «Ich bedaure, dass sich keine Gegenkandidaten finden. Es ist Selbstmord, sich gegen Blatter aufstellen zu lassen», erklärte der ehemalige FIFA-Integritätsberater Mark Pieth bei Sky Sport News HD.

Nicht nur der deutsche Fußball sehe eine erneute Kandidatur Blatters «sehr, sehr skeptisch», betonte Seifert, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga, in der «Süddeutschen Zeitung». Blatter war von den Verbänden Europas für sein Streben nach einer fünften Amtszeit des Wortbruchs beschuldigt worden. Rund um die umstrittene Vergabe der Weltmeisterschaften an Russland (2018) und Katar (2022) sei es «dringend nötig, dass sich der europäische Fußball schleunigst auf eine gemeinsame Position einigt», sagte Seifert.

Ligapräsident Reinhard Rauball hatte zuletzt eine Abspaltung der UEFA von der FIFA ins Spiel gebracht, der frühere englische Verbandspräsident David Bernstein sprach über einen WM-Boykott. Zwar bewertete Seifert eine verweigerte Teilnahme als «wirkungsvollste Waffe», sieht dies aber skeptisch: «Es müssten sich erst mal alle einig sein, und daran habe ich große Zweifel.» Frankreich werde sich kaum gegen Katar wenden, da Platini als Katar-Verfechter gelte. «Und wenn hinterher nur Deutschland und England übrig bleiben, fürchte ich, dass das nicht das schärfste aller Schwerter ist.»

Trotz des Freispruchs durch den deutschen Richter Hans-Joachim Eckert wird die Diskussion um den Bericht von Chefermittler Michael Garcia zu den WM-Vergaben noch lange nicht beendet sein. FIFA-Exekutivkomitee-Mitglied Zwanziger forderte, dass Garcia von seiner Schweigepflicht entbunden wird. «Wir brauchen mehr Öffentlichkeit und Transparenz in dieser Sache. Wir müssen endlich tätig werden», sagte der frühere Präsident des Deutschen Fußball-Bundes bei «Spiegel Online».

Der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes erwartet nach der Strafanzeige von Blatter gegen Unbekannt zunächst noch keine großen Erkenntnisse rund um die skandalumwitterten WM-Zuschläge an Russland und Katar. «Ich fürchte, dass wir hier das Gleiche beobachten können wie in anderen Bereichen komplex organisierter Korruptionssysteme», sagte der Kriminologie-Professor und Jurist der «Westdeutschen Zeitung». «Justiz und Polizei können mit ihren Mitteln die verzweigten Strukturen und die oftmals verkappten und subtilen Abhängigkeiten gar nicht aufklären.»

Blatter hatte die Anzeige auf Empfehlung von Eckert gegen mögliches Fehlverhalten von Einzelpersonen gerichtet. Bei der Untersuchung von Garcia seien Verdachtsmomente aufgetaucht, «dass in einzelnen Fällen internationale Verschiebungen von Vermögenswerten mit Berührungspunkten zur Schweiz stattgefunden haben».

Die Schweizer Staatsanwaltschaft könne erst einmal nur in der Schweiz ermitteln, betonte Feltes. «Eigentlich müsste hier Interpol tätig werden», sagte er, «aber dazu müssten die möglicherweise betroffenen Länder Interpol entsprechend beauftragen und kooperieren. Ich bezweifle, dass dies geschieht.»