Nobeljuror: Immunstörungen bei Kindern schneller auffindbar

Dank der Arbeit der diesjährigen Medizin-Nobelpreisträger können Ärzte schnell erkennen, welche Rolle eine Störung im Transportsystem der Zellen bei Krankheiten spielt. Das kann zum Beispiel Kindern mit schweren Immundefekten helfen, erläutert ein Nobeljuror.

Nobeljuror: Immunstörungen bei Kindern schneller auffindbar
Terje Bendiksby Nobeljuror: Immunstörungen bei Kindern schneller auffindbar

Die Nobelpreisträger - unter ihnen der gebürtige Deutsche Thomas Südhof - haben herausgefunden, wie die Zellen in unserem Körper ihr ausgeklügeltes Pack- und Transportsystem organisieren. Dass dort etwas schiefläuft, kann bei einer Reihe von Krankheiten wie etwa Diabetes, Tetanus oder Dystonie (Gruppe von Bewegungsstörungen) eine Rolle spielen.

Jan Andersson, Mitglied des Stockholmer Nobelkomitees, erklärt im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa, was der gebürtige Göttinger Südhof zu der Entdeckung beigetragen hat und wie das genaue Wissen der Mediziner um das Transportsystem Patienten helfen kann.

Frage: Was ist so großartig an den Entdeckungen der Forscher?

Antwort: Sie haben das wichtigste Transportsystem in einer Zelle erforscht. Es entscheidet, wohin ein Molekül gelenkt wird und wann es wohin gebracht werden soll. Dieses System entscheidet darüber, wohin alle Proteine in der Zelle sollen, aber auch, ob sie miteinander kommunizieren und wie sie freigesetzt werden sollen. Es ist ein Pack- und Transportsystem mit enormer Genauigkeit.

Frage: Woran hat der deutsche Wissenschaftler Thomas Südhof dabei geforscht?

Antwort: Südhof hat am Gehirn geforscht. Wenn wir denken, werden Substanzen von einem Neuron zu einem anderen freigesetzt. Südhof hat herausgefunden, wie das Freisetzen kontrolliert wird. Also wie man seine Gedanken und Bewegungen kontrollieren kann.

Frage: Wie ist sein Anteil an der Entdeckung einzustufen?

Antwort: Wir ernennen Forscher immer dann zu Nobelpreisträgern, wenn sie eine unabhängige qualitative Arbeit geleistet haben. Dann sind sie würdige Preisträger. Also war Südhof genauso wichtig wie die anderen beiden. Und zusammen haben sie eine Kette von Ereignissen gebildet, die das komplette Verständnis der Genauigkeit dieses physiologischen Systems liefert.

Frage: Inwiefern haben die drei Forscher zusammengearbeitet?

Antwort: Man muss sich die Entdeckung als einen Prozess vorstellen. Er begann 1980 und endete irgendwo um 2002 - das waren über 20 Jahre Forschungsarbeit. Als sie anfingen, haben die Forscher unabhängig voneinander gearbeitet. Aber als sie aufeinandergetroffen sind, stellten sie fest, dass sie dieselben Mechanismen, dieselben Proteine und dasselbe End-Ereignis erforschten.

Frage: Welchen praktischen Nutzen hat die Entdeckung der Forscher? Wo kann sie heute eingesetzt werden?

Antwort: Zum Beispiel bei schweren Immunkrankheiten von Kindern. Weil die 23 entscheidenden Gene identifiziert sind, die für das Transportsystem der Zellen nötig sind, kann man innerhalb weniger Stunden ein Screening und innerhalb weniger Tage eine genetische Untersuchung machen, um festzustellen, wo diese Funktionsstörung existiert. Dann können wir sagen: Deshalb gibt es diese Erkrankung und wir können das Immunsystem verändern.