Noch mehr als 100 000 Lehrstellen frei

Die Wirtschaft klagt: Es fehlen Lehrlinge. Doch an Bewerbern mangelt es nicht. Häufig passen Qualifikationsanforderungen der Wirtschaft und Berufswünsche oder Wohnorte der Jugendlichen nicht zusammen.

Mit Beginn des neuen Ausbildungsjahres Anfang September sind bei den Arbeitsagenturen bundesweit noch über 100 000 Lehrstellen als unbesetzt gemeldet. Gleichzeitig sind aber immer noch etwa ebenso viele Jugendliche unversorgt. Dies geht aus der aktuellen Lehrstellenstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) hervor.

Danach stellt sich die Situation auf dem Lehrstellenmarkt in diesem Herbst deutlich schlechter dar als im Vorjahr. Betriebe und Verwaltungen boten den Arbeitsämtern bis Ende August knapp 471 000 betriebliche Ausbildungsplätze zur Vermittlung an - 6700 oder 1,4 Prozent weniger als im Vorjahr.

Zugleich ist die Zahl der noch immer Unversorgten mit 102 423 um 11 600 höher als im Vorjahr (plus 2,8 Prozent). Auch haben weitere 55 600 junge Menschen ihren Vermittlungswunsch in eine betriebliche Lehrstelle gegenüber den Arbeitsagenturen aufrechterhalten, aber zunächst mangels Lehrstelle ein schulisches Angebot annehmen müssen.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisierte am Donnerstag, dass sich nur noch 21,7 Prozent der Betriebe in Deutschland an der Berufsausbildung beteiligten. Dies sei ein «historischer Tiefstand» sagte DGB-Vize Elke Hannack. DGB-Jugendsekretär Florian Haggenmiller kritisierte, Hauptschülern sei heute faktisch jeder zweite Ausbildungsberuf verschlossen. Hauptschulabsolventen würden sich schon gar nicht mehr für bestimmte attraktive und anspruchsvolle Ausbildungen bewerben.

Nach einer aktuellen DGB-Umfrage bei über 18 000 Auszubildenden konnte im vergangenem Jahr ein Drittel der jungen Menschen die Lehre im «Wunschberuf» beginnen. Weitere 40 Prozent gaben an, in einem für sie interessanten Beruf gestartet zu sein. Knapp ein Viertel habe allerdings eine Ausbildung aufgenommen, die eigentlich nicht geplant gewesen sei. Während nur 29,5 Prozent der jungen Frauen einen Ausbildungsvertrag im Wunschberuf erhielten, waren dies bei den jungen Männern 36,2 Prozent.

Nach einer am gleichen Tag vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) veröffentlichten Umfrage bei 1500 Schulabgängern des Jahres 2012 haben 81 Prozent eine Lehre in den von ihnen angestrebten Ausbildungsberufen aufnehmen können. 76 Prozent aller Befragten gaben an, sich nach der Ausbildung weiterqualifizieren zu wollen.

Der DGB-Ausbildungsreport 2013 listet zudem erneut eine Reihe von Verstößen gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz auf. Vor allem in der Gastronomie komme es immer wieder zu Unregelmäßigkeiten und auch zu Überstunden für noch Minderjährige, sagte Haggenmiller. «Schlechte Ausbildungsbedingungen sprechen sich bei den Jugendlichen herum und haben deutliche Auswirkungen auf das Berufswahlverhalten.»

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) erklärte hingegen, es werde für die Wirtschaft immer schwieriger, geeignete Bewerber für Ausbildungsstellen zu finden. Wie im Vorjahr drohten zahlreiche Lehrstellen unbesetzt zu bleiben, weil immer noch zu viele Schulabgänger nicht ausbildungsreif seien. «Wer jetzt noch ernsthaft einen Ausbildungsplatz sucht, motiviert und flexibel ist, hat beste Chancen», heißt es in der Erklärung der Arbeitgeber.