Norbert Bisky in der Rostocker Kunsthalle

Das Auge des Betrachters wird gefordert. Das macht der erste Blick nach Betreten der Ausstellung von Norbert Bisky in der Kunsthalle Rostock klar. «Es ist die Opulenz und der geniale Umgang mit Farben», schwärmt Kunsthallenchef Jörg-Uwe Neumann.

Norbert Bisky in der Rostocker Kunsthalle
Bernd Wüstneck Norbert Bisky in der Rostocker Kunsthalle

Vom 16. November an sind in der Schau «Zentrifuge» rund 90 Werke von Bisky zu sehen, der als einer der herausragenden zeitgenössischen Künstler gilt. Beginnend mit einer Arbeit aus dem Jahr 2002 bis hin zu Kunstwerken, die in diesem Jahr entstanden sind und noch nie der Öffentlichkeit präsentiert wurden.

Fast jedes Bild ist durch die Auflösung von Grenzen und Körpern geprägt. So auch die neuesten Werke wie «Quasar» oder auch «2014», ein eher abstraktes Bild mit wenig Gegenständlichem. «Die Welt ist nicht stabil oder ausbalanciert, sie ist aus den Fugen geraten», sagt der 44-jährige.

Strukturen geraten durcheinander, keiner weiß, wie es weitergeht. «Ich kenne keine heile Welt.» Aber es gehe ihm gut, sagt Bisky, Sohn von Lothar Bisky, dem 2013 verstorbenen Chef der Linkspartei. Er habe genügend Abstand, zu dem, was er malt. «Sonst wäre es ja Therapie, das ist es nicht.» Es sei Aufgabe eines Künstlers, sich nicht nur mit sich selbst zu beschäftigen, sondern auch die Zeit mit in die Kunst hineinzunehmen, sagt Bisky, dessen Arbeiten international mit bis zu 100 000 Euro gehandelt werden.

Die Ausstellung ist nicht chronologisch, sondern nach Themengebieten geordnet. Farblich ist dabei der Bereich «Brasilien» besonders eindrucksvoll. Seit Jahren fährt Bisky dorthin. «Brasilien ist farbintensiver, hat ein völlig anderes Licht.» Die Lebenszyklen dort sind viel kürzer. «Oben blüht es, unten fault die Wurzel weg - Zerfall und Wachstum, das ist für die Malerei faszinierend.»

Auffällig sind auch die Männerdarstellungen in vielen Bildern. Oft eng ineinander verwoben stellt Bisky die nackten Körper dar. «Wenn ich Figuren male, dann die, an denen ich nahe dran bin, womit ich mich auskenne und deshalb auch frei damit umgehen kann.»

Bisky hat diese Ausstellung speziell für die Kunsthalle konzipiert, berichtet Kuratorin Dorothée Brill. Erstmals in der 45-jährigen Geschichte des Hauses bekommt ein Künstler die Gelegenheit, beide Etagen zu gestalten. Dazu gehört auch der Lichthof im Erdgeschoss. Bisky hat hier eine begehbare, ganz in Weiß gehaltene Installation geschaffen. Aus aufbrechenden Schollen ragt ein Kran mit daran gehängtem «Objekt», das sich dreht und tönt. Während sich Bisky um die visuellen Effekte kümmerte, stammt die Akustik vom Musiker Henrik Schwarz.

Auf Bildern einer früheren Schaffenszeit Biskys ist der Wolf ein Symbol für Bedrohung und Unheil. Besonders deutlich wird das in «Satansbraten», einer Madonnendarstellung mit Maria mit Heiligenschein und einem Wolf auf dem Arm. Auch diese Phase ist abgeschlossen und doch taucht der Wolf in dem eben erst beendeten Werk «Cut» auf. Damit begonnen hat er 2008. Es ist eine Collage geworden, Öl auf Leinwand auf Öl auf Leinwand. «Über die ganzen Jahre stand das Bild im Atelier und ich habe immer nach einer Lösung gesucht.» Sichtlich zufrieden wirkt Bisky mit dem nun in Rostock zu bestaunenden Werk.

Ihm ist klar, dass sich mit Auflösung auch Gewalt verbindet. Deutlich wird dies in teils verstörenden Bildern vom Anschlag auf ein Hotel im indischen Mumbai (früher Bombay) im Jahr 2008. «Doch nichts, von dem was ich male, reicht annähernd an die Gewalt in den Fernsehnachrichten heran.» Aber auch die drastische Darstellung von Gewaltszenerien war auf eine bestimmte Zeit begrenzt, aktuell sei sie in den Werken kaum zu sehen.