Norden rüstet sich gegen Hochwasser

Das Hochwasser bedroht nun mit zerstörerischer Kraft den Norden Deutschlands. Bundesländer wie Niedersachsen und Brandenburg rüsteten sich für die anrollenden Wassermassen, die bereits im Süden und Osten große Verwüstungen angerichtet haben.

Norden rüstet sich gegen Hochwasser
Arno Burgi

Mehrere Deiche drohten unter dem Druck des Wassers zu brechen. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) schätzte allein die Schadensbilanz in Landwirtschaft und Fischerei am Donnerstag vorläufig auf 173 Millionen Euro. Die Summe werde noch weiter steigen, Schäden an Häusern und Infrastruktur ließen sich noch gar nicht beziffern. Insgesamt seien zwei Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche in Mitleidenschaft gezogen worden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte den Menschen in den Flutgebieten erneut Unterstützung zu. «Ich glaube, dass man sich darauf verlassen kann, dass das Menschenmögliche getan wird», sagte sie bei einem Besuch in der Chemiestadt Bitterfeld. Dort drohte das Wasser eines Sees in die Innenstadt zu laufen. Merkel lobte die große Solidarität der Menschen. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte Unterstützung zu, die über die Soforthilfe des Bundes von 100 Millionen Euro hinaus gehen solle.

Nach Ansicht von Experten muss im Hochwasserschutz künftig aber umgedacht werden. «Die Deicherhöhungen sind an der Grenze», sagte beispielsweise Bernd Ettmer, Wasserbau-Experte der Hochschule Magdeburg-Stendal. «Für jeden Meter, den man nach oben baut, braucht man drei Meter in die Breite.»

Umweltschutzverbände kritisierten, dass Bundesländer den Hochwasserschutz aufgeweicht hätten. Deshalb gebe es zum Beispiel an der Elbe noch immer zu wenig Polderflächen, die Fluten auffangen könnten. Für sie seien Bebauungsverbote und Auflagen für die Landwirtschaft nötig.

Die sächsische Landesregierung plant nach eigenen Angaben gemeinsam mit Bayern eine Gesetzesinitiative für Hochwasserschutz, die dem Gemeinschaftsrecht eine Priorität vor Individualrecht einräumt, um jahrelang dauernde Planungsverfahren zu vermeiden.

Die Situation in Bundesländern und betroffenen Staaten Europas stellte sich so dar:

- BAYERN: Trotz sinkender Pegelstände an der Donau waren tausende Menschen in Bayern weiter von Hochwasser und Überschwemmungen bedroht. In der besonders gefährdeten Region um Deggendorf und Straubing ging das Wasser zwar leicht zurück. An einigen Stellen drohten die durchgeweichten Dämme aber weiterhin zu brechen. Insgesamt mussten mehr als 4000 Menschen in der Krisenregion ihre Häuser verlassen. 

- SACHSEN-ANHALT: In Sachsen-Anhalt bleibt die Lage sehr ernst. Der Innenstadt von Bitterfeld drohte die Überflutung, weil der nahe Goitzschesee vollläuft. «Das Wasser steigt permanent», sagte Oberbürgermeisterin von Bitterfeld-Wolfen, Petra Wust. Auch in Halle blieb die Lage angespannt, obwohl der Pegelstand der Saale zurückging. Der Wasserspiegel der Elbe steigt weiter. In Magdeburg wird der Hochwasserscheitel für das Wochenende erwartet.

- SACHSEN: Der Hochwasserscheitel der Elbe erreichte inzwischen Dresden. Mit einem Höchststand von 8,76 Metern schwoll der Fluss aber weniger stark an als vorhergesagt. Die Behörden hatten einen Höchststand um die neun Meter geschätzt. Normal sind knapp zwei Meter, bei der Jahrhundertflut 2002 wurden 9,40 Meter gemessen. Die Elbe wird aber noch mehrere Tage lang bei hohem Pegelstand auf die Deiche drücken. Flussabwärts, im nordsächsischen Torgau, stieg das Wasser noch an. In Dresden gab es weitere Evakuierungen. Rund 9000 Haushalte waren ohne Strom. 16 000 Menschen wurden in Sicherheit gebracht.

- NIEDERSACHSEN: Das Elbe-Hochwasser wird vermutlich weniger bedrohlich als befürchtet. Prognosen für die höchsten Pegelstände wurden erneut um rund einen halben Meter nach unten korrigiert. Für Hitzacker werden nun für Dienstag und Mittwoch Höchststände von 7,65 Metern erwartet - 1,15 Meter weniger als noch vor zwei Tagen.

- BRANDENBURG: Das Hochwasser wird die Brandenburger noch tagelang in Atem halten. Die von Süden ins Land drängenden Wassermengen drückten auf die Deiche. Innenminister Dietmar Woidke (SPD) schätzt die Situation schwieriger ein als bei der Jahrhundertflut 2002. «Mit jeder Stunde, die es länger dauert, wird es schwieriger werden», sagte er. «Es ist eben nicht nur die Elbe, die kommt. Dieses Mal kommen alle Nebenflüsse mit großer Wucht mit dazu», sagte Woidke.

- MECKLENBURG-VORPOMMERN: Umweltminister Till Backhaus (SPD) erwartet ein nie dagewesenes Hochwasser an der Elbe. In Dömitz erreichte der Fluss schon eine Höhe von 4,42 Meter, normal sind gut zwei Meter. Ausgelegt sind die Deiche für ein Hochwasser von 7,50 Meter. Das Problem sei, dass zu den Fluten der Elbe auch das Hochwasser der Saale komme. Hunderte Bundeswehr-Soldaten unterstützten die Schutzmaßnahmen.

- THÜRINGEN: Das Land hat das Schlimmste überstanden. Die Lage an den Flüssen entspannte sich weiter. Nur noch an drei Messstellen der Saale - in Kaulsdorf, Rothenstein und Camburg-Stöben - galt die höchste Alarmstufe 3. Mit dem Rückgang des Wassers werden aber auch die Zerstörungen immer mehr sichtbar.

- AUSLAND: Ungarn bereitet sich auf Rekord-Hochwasser der Donau vor. Die Scheitelwelle werde Budapest am Wochenende erreichen, teilten die Behörden mit. Ministerpräsident Viktor Orban sagte, im schlimmsten Fall müssten 80 000 Menschen in Sicherheit gebracht werden. In Polen gab es in der Nacht zu Donnerstag bisher die schwersten Überschwemmungen. In Tschechien war für die geplagte tschechische Industriestadt Usti (Aussig) an der Elbe das Schlimmste wohl vorbei. Das Wasser stieg am Donnerstag nicht über die bedrohliche 11-Meter-Marke. Auch in Prag entspannte sich die Lage an der Moldau.