Ohne Arbeit treibt es Flüchtlinge aus der Türkei nach Westen

Jeden Morgen stehen Mansur al-Isa und ein Dutzend anderer Flüchtlinge aus Syrien an einer staubigen Straße. Sie warten auf Arbeit, auf Lohn für einen Tag. Oft warten sie vergebens.

Ohne Arbeit treibt es Flüchtlinge aus der Türkei nach Westen
Uygar Onder Simsek Ohne Arbeit treibt es Flüchtlinge aus der Türkei nach Westen

«Wenn hier ein Auto um die Ecke kommt und hupt, rennen wir alle hin und betteln den Fahrer um Arbeit an», sagt al-Isa, Vater von vier Kindern. «Es ist so entwürdigend.»

In Syrien war er Konditor, nun schlägt er sich als Tagelöhner in der türkischen Stadt Gaziantep nahe der Grenze durch. Doch offiziell darf al-Isa nicht arbeiten - und wenn er seinen Lebensunterhalt nicht verdienen kann, will er wie viele andere weiter nach Europa. Statt Kuchen zu backen, schleppt er Möbel oder baut Zäune auf.

Syrische Flüchtlinge können sich seit Mitte Januar in dem Land um eine Arbeitserlaubnis bewerben - Teil einer Vereinbarung zwischen der Türkei und der EU. Doch nur 7300 wurden zunächst zugelassen, hieß es vergangenen Monat. Das Arbeitsministerium war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. «Niemand bekommt eine Arbeitserlaubnis, wenn er nicht schon einen Job hat, weil die Bürokratie eine Bestätigung vom Arbeitgeber verlangt», sagt Abdel Hadi, der bei Hilfsorganisationen für die zwei Millionen syrische Flüchtlinge in der Türkei arbeitet. «Die Gesetze sind verwirrend und unklar.»

Die Tagelöhner arbeiten oft nur zwei Tage die Woche und kratzen so ein paar Hundert Euro im Monat zusammen. «Ich will nach Deutschland, wenn es hier nicht besser wird», sagt al-Isa. «Aber legal, mit einem Visum. Ich würde ja ein Boot nehmen und mich nach Europa schmuggeln, aber ich habe Kinder. Ich hätte Angst, dass sie ertrinken.»

Von der geplanten Militäraktion der Nato gegen Schlepperbanden in der Ägäis wollen sich die Flüchtlinge in Gaziantep nicht beeindrucken lassen. «Ich kenne viele Leute, die nach Europa gegangen sind», sagt Ahmed Aschkar, einst Stahlbauarbeiter. Seine vernarbten Unterarme zeugen von den Kämpfen in Syrien. Auch er steht an der Kreuzung und hofft auf einen Job für einen Tag. In den Flüchtlingscamps gebe es keine Arbeit, das Essen sei teurer als in der Stadt, sagt er. «Wir hören immer wieder, dass wir bald legal arbeiten dürfen, aber bisher ist das nur Gerede.»

Die Türkei hat die Grenzen zu Syrien größtenteils geschlossen, und ohne Erlaubnis dürfen die Flüchtlinge im Land nicht mehr zwischen den Provinzen reisen. So kommen sie schwerer an Arbeit - und schwerer an die Mittelmeerküste. Doch das mache wenig aus, sagt Mohammed, der Flüchtlinge aus Syrien in die Türkei bringt. Dort verbindet er sie mit einem Kontaktmann, der sie für ein paar Hundert Dollar nach Griechenland übersetzen kann. «Wenn vergangenes Jahr eine Million Migranten nach Europa gegangen sind, werden es dieses Jahr zwei Millionen.»