Oppositionspolitiker Nemzow in Moskau erschossen

Der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow ist am späten Freitagabend in Moskau in unmittelbarer Nähe des Kremls auf offener Straße erschossen worden. Das teilte die oberste russische Ermittlungsbehörde am Freitagabend mit.

Der 55 Jahre alte Nemzow galt als eine der schillerndsten Persönlichkeiten der russischen Opposition. Der charismatische Politiker und frühere Vizeregierungschef war einer der schärfsten Kritiker von Kremlchef Wladimir Putin. Dieser verurteilte den «brutalen Mord», ebenso wie US-Präsident Barack Obama.

Putin sprach von einer politischen «Provokation». Die Bluttat habe alle Anzeichen eines Auftragsmordes, sagte Putins Sprecher Dmitri Peskow in der Nacht zum Samstag. Der Präsident habe den Angehörigen des Oppositionellen sein Beileid ausgesprochen. Zudem habe Putin die leitenden Mitarbeiter der obersten Ermittlungsbehörde, des Innenministeriums und des Inlandsgeheimdienstes FSB angewiesen, die Ermittlungen persönlich in die Hand zu nehmen.

In einer vom Weißen Haus verbreiteten Erklärung fordert Obama die russische Führung zu einer «schnellen, unvoreingenommenen und transparenten» Aufklärung des Verbrechens aufgefordert. Obama sprach der Familie Nemzows sein Beileid aus, ebenso wie dem russischen Volk, das «einen der engagiertesten und eloquentesten Verteidiger seiner Rechte» verloren habe.

Ermittler gingen von einem Auftragsmord aus. Nemzow war in Kremlnähe am späten Freitagabend von hinten mit einer Pistole erschossen worden. Vier Kugeln trafen ihn in den Rücken. Am Tatort seien sechs Patronenhülsen gefunden worden. Der Täter flüchtete ersten Ermittlungen zufolge in einem weißen Auto. An der Stelle der Bluttat gibt es Videoüberwachung, die möglicherweise weitere Hinweise auf die Täter geben könnte, hieß es in Medien.

Der Regierungsgegner soll wenige Minuten zuvor mit einer Bekannten aus der Ukraine über den Roten Platz spaziert sein. Der Politiker galt als glühender Unterstützer der proeuropäischen ukrainischen Führung in Kiew. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko äußerte sich schockiert über den Mord an Nemzow. «Sie haben Boris umgebracht. Es ist kaum zu glauben. Ich habe keine Zweifel, dass die Täter bestraft werden. Früher oder später», schrieb der prowestliche Staatschef in der Nacht zum Samstag bei Twitter.

Nemzow hatte nach Informationen des früheren georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili an einem Bericht über die russische Verstrickung in den Krieg in der Ostukraine gearbeitet. Er habe die russische Öffentlichkeit über die Lage informieren wollen, sagte Saakaschwili dem US-Sender CNN. Die Ermordung Nemzows sei für ihn keine Überrschung. «Ich bin nur überrascht, dass er nicht schon früher getötet wurde.»

Die Lage in Russland ist im Zuge der Ukraine-Krise gespannt. Nemzow hatte den Krieg in dem Nachbarland scharf kritisiert - als russische Aggression. In einem eindringlichen Appell hatte er den Einsatz von russischen Soldaten in der Ostukraine - ohne Erkennungszeichen an den Uniformen - als «illegal» kritisiert.

Die Opposition will an diesem Sonntag ihre erste große Demonstration dieses Jahres gegen die Politik von Putin organisieren. Die Agentur Interfax berichtete unter Berufung auf Ermittler, der Mord an Nemzow könne eine gezielte Provokation sein vor der Aktion der Regierungskritiker.

«Ich kann es nicht glauben. Was ist aus Russland geworden? Die Aggression wächst», sagte der frühere Regierungschef Michail Kasjanow im kremlkritischen Radiosender Echo Moskwy. Der Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow warnte vor einem «wachsenden Hass auf Andersdenkende» in der Gesellschaft. «Ich bin schockiert», sagte er. Kein Oppositioneller könne sich heute sicher fühlen in dem Land, betont er.

Die große Mehrheit der Russen unterstützt nach Umfragen den Kurs von Präsident Putin. Nemzow hingegen kritisierte die Politik als zerstörerisch für das Land.