Organspende-Prozess: Arzt muss mit Haftstrafe rechnen

Im Prozess um Manipulationen bei der Vergabe von Spenderorganen muss der angeklagte Arzt mit einer Verurteilung rechnen. Das kündigte der Vorsitzende Richter im Landgericht Göttingen an. Gleichzeitig setzte das Gericht den Haftbefehl gegen den früheren Chef der Transplantationsmedizin aber außer Vollzug.

Um aus der Untersuchungshaft zu kommen, muss der Arzt 500 000 Euro Kaution zahlen und seine Reisedokumente abgeben, weil das Gericht nach wie vor Fluchtgefahr bei ihm sieht. Der Mediziner, der aus dem Nahen Osten stammt, sitzt seit Januar in Untersuchungshaft.

Der Skandal um die manipulierte Vergabe von Spenderorganen an mehreren deutschen Kliniken wurde im vergangenen Jahr bekannt. Der Göttinger Arzt ist der erste, der in diesem Zusammenhang vor Gericht steht. Nach dem Stand der Beweisaufnahme müsse der Medizin-Professor mit einer Haftstrafe von mehr als zwei Jahren rechnen, sagte der Vorsitzende Richter Ralf Günther.

Der Arzt ist angeklagt, weil er Patienten durch falsche Angaben vorzeitig zu Spenderlebern verholfen haben soll. Nach der bisherigen Anhörung von rund 50 Zeugen und fünf Sachverständigen besteht laut Gericht nach wie vor der dringende Verdacht, dass der Mediziner sich des elffachen versuchten Totschlags schuldig gemacht hat.

Zudem hätten Patienten Organe bekommen, obwohl sie entgegen der Vorschriften zuvor nicht sechs Monate lang alkoholabstinent waren. Laut Anklage sind andere schwerkranke Patienten deshalb möglicherweise gestorben. Den eigenen Patienten, sagte Richter Günther, habe der Arzt dagegen das Leben gerettet.

Außerdem soll der Arzt drei Patienten Lebern ohne medizinische Notwendigkeit übertragen haben. Die Staatsanwaltschaft wertet dies als Körperverletzung mit Todesfolge. Nach dem Zwischenfazit des Gerichts ist dem Arzt in zwei dieser drei Fälle deswegen aber strafrechtlich nichts vorzuwerfen. Im dritten Fall kommt allenfalls fahrlässiges Handeln in Betracht.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig sieht trotz der hohen Kaution weiterhin eine akute Fluchtgefahr. Es dürfe dem Arzt angesichts seiner beruflichen Qualifikation leicht fallen, im Ausland eine gut dotierte Position zu finden, sagte Sprecherin Birgit Seel. Sie kündigte Beschwerde gegen die Freilassung des Chirurgen an. Der Prozess wird im Januar fortgesetzt.